Der ukrainische Ex-Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow hatte am 18. August 2026 per Videobotschaft Wahlen während des laufenden Kriegs gefordert. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat diese Forderung am 23. August 2026 öffentlich zurückgewiesen: Wahlen stellten „ein großes Risiko“ dar und wären „wie ein Tsunami“, der die Ukraine spalten würde, sagte er laut AFP vor Journalisten in Kiew. Beim selben Pressegespräch bezifferte er den ukrainischen Finanzierungsbedarf gegenüber der EU mit 30 Milliarden Euro für Verteidigungsausgaben – bei einer aktuellen Haushaltslücke von rund 27 Milliarden Dollar (23 Mrd. Euro), wovon allein 20 Milliarden für Soldatengehälter und Kompensationen nötig seien; er arbeite dabei mit Frankreich und Deutschland zusammen. Zur Frontlage erklärte Selenskyj, die Ukraine habe seit Jahresbeginn 820 Quadratkilometer zurückerobert, Russland umgekehrt 990 Quadratkilometer neu besetzt – unabhängig überprüfbar waren diese Eigenangaben zunächst nicht. Laut Medienberichten sagte auch Norwegen weitere milliardenschwere Hilfe zu, während Russland vom 18. bis 20. September eine Parlamentswahl auch in besetzten ukrainischen Gebieten abhält und nach ukrainischer Einschätzung eine Mobilisierung von 300.000 weiteren Soldaten plant.
Als Fedorows Nachfolger hat der frühere Geheimdienstler Jewhenij Chmara das Verteidigungsministerium offiziell übernommen. Parallel gerieten Teile von Selenskyjs Umfeld unter Druck: Unmittelbar vor der Abstimmung über Chmaras Nachfolge führten die Antikorruptionsbehörden NABU und SAP Razzien gegen mehrere Abgeordnete sowie gegen die stellvertretende Präsidialamts-Stabschefin Iryna Mudra durch, die danach von Selenskyj entlassen wurde. NABU spricht von einer Sonderoperation gegen eine „kriminelle Organisation“ mit Beteiligung hochrangiger Präsidialamts-Beamter, nennt aber keine Namen; unbestätigten Medienberichten zufolge geht es unter anderem um eine mutmaßliche Kautionszahlung für den zuvor festgenommenen früheren Justizminister Herman Haluschtschenko. Bereits die Entlassung von Selenskyjs damaligem Amtschef Andrij Jermak Ende November 2025 war Folge ähnlicher Ermittlungen.
Offen bleibt, ob Fedorow selbst kandidieren will, wie Chmara, das Parlament oder Fedorow auf Selenskyjs Absage reagieren, wie EU, Frankreich und Deutschland auf die Finanzforderung reagieren, welchen konkreten Betrag Norwegen tatsächlich zusagt und ob sich Selenskyjs Angaben zur Frontlage unabhängig bestätigen lassen. Auch der genaue Stand der NABU-Ermittlungen bleibt mangels offizieller Namensnennung unklar.
Was passiert ist
Der ukrainische Ex-Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow hatte sich mit einer am 18. August 2026 veröffentlichten Videobotschaft zu Wort gemeldet und Wahlen noch während des laufenden Kriegs gegen Russland gefordert. Die Demokratie dürfe „keine Geisel Russlands“ sein, sagte der 35-Jährige; der Staat müsse einen gesetzlichen, sicheren und realistischen Mechanismus finden, um trotz des Krieges einen Urnengang zu ermöglichen. Fedorow war Ende Juli 2026 im Zuge eines Regierungsumbaus nach rund sechs Monaten als Verteidigungsminister entlassen worden, nachdem er zuvor seit 2019 das Digitalisierungsministerium geleitet hatte.
Am 23. August 2026 äußerte sich Selenskyj erstmals öffentlich zu dieser Forderung – und wies sie zurück. „Ich glaube, dass Wahlen als solche in einem Krieg wie diesem ein großes Risiko darstellen“, sagte er laut AFP vor Journalisten in Kiew. Er warnte vor einem „Tsunami für das Land, der die Ukraine spalten wird“. Nach Angaben von AP stellte Selenskyj bei derselben Gelegenheit auch Fedorows Rolle bei den Protesten infrage, die im Juli gegen dessen eigene Entlassung stattgefunden hatten. Als Fedorows Nachfolger im Verteidigungsministerium hat inzwischen der ehemalige Geheimdienstler Jewhenij Chmara das Amt offiziell übernommen.
Beim selben Pressegespräch ging Selenskyj deutlich über das Thema Wahlen hinaus: Er bezifferte den ukrainischen Finanzierungsbedarf gegenüber der EU mit 30 Milliarden Euro für Verteidigungsausgaben. Im laufenden Haushalt klaffe eine Lücke von rund 27 Milliarden Dollar (etwa 23 Milliarden Euro), davon allein rund 20 Milliarden Euro für Soldatengehälter und Kompensationszahlungen an die Familien Gefallener. „Ein bedeutender Geldbetrag ist erforderlich. Ich arbeite in dieser Sache mit den Franzosen und Deutschen“, sagte er.
Finanzierungsbedarf, Frontlage und russische Wahlpläne
Neben der EU-Forderung machte Selenskyj auch Angaben zur militärischen Lage: Die ukrainischen Streitkräfte hätten seit Jahresbeginn 820 Quadratkilometer Fläche zurückerobert, darunter fast das gesamte Gebiet Dnipropetrowsk – dort seien nur noch rund zehn Quadratkilometer bzw. drei Ortschaften nicht vollständig unter Kiews Kontrolle. Zugleich räumte er ein, dass Russland im selben Zeitraum umgekehrt 990 Quadratkilometer ukrainischer Fläche besetzt habe. Von unabhängiger Seite waren diese Zahlen zunächst nicht überprüfbar – es handelt sich um Angaben einer Kriegspartei. Selenskyj schloss zudem erneut aus, dass sich die Ukraine freiwillig aus dem Donbass zurückzieht, was Moskau als Bedingung für einen Waffenstillstand genannt hatte.
Laut Medienberichten kündigte auch Norwegen weitere milliardenschwere Unterstützung an, unter anderem im Rahmen des norwegischen Budgets für 2027 in Höhe von umgerechnet rund 7,8 Milliarden Euro für militärische und humanitäre Zwecke; Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre besuchte dazu gemeinsam mit den Regierungschefs Finnlands, Dänemarks, Estlands, Lettlands und Litauens Kiew. Eine offizielle norwegische Bestätigung dieser Zahl liegt nicht vor.
Parallel bereitet Russland, das seit viereinhalb Jahren einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt, vom 18. bis 20. September 2026 eine Parlamentswahl vor – auch in den von Moskau kontrollierten Teilen der annektierten ukrainischen Gebiete Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson. Nach ukrainischer Einschätzung plant Russland zudem, im September weitere 300.000 Soldaten zu mobilisieren.
Innenpolitische Spannungen in Kiew
Parallel dazu gerieten Teile von Selenskyjs Umfeld unter Druck: Unmittelbar vor der parlamentarischen Abstimmung über Chmaras Nachfolge im Verteidigungsministerium führten die ukrainischen Antikorruptionsbehörden NABU und SAP Razzien gegen mehrere Abgeordnete sowie gegen die stellvertretende Präsidialamts-Stabschefin Iryna Mudra durch. Selenskyj entließ Mudra danach. NABU teilte mit, eine Sonderoperation gegen eine „kriminelle Organisation“ durchzuführen, die von einem amtierenden und einem ehemaligen Abgeordneten angeführt werde und an der auch hochrangige Beamte des Präsidialamtes beteiligt seien – ohne Namen zu nennen. Ergänzende Medienberichte bringen die Razzien mit einer mutmaßlich organisierten Kautionszahlung von rund 150 Millionen Hrywnja für den zuvor festgenommenen früheren Justizminister Herman Haluschtschenko in Verbindung. Bereits nach Ermittlungen Ende November 2025 hatte Selenskyj seinen damaligen Amtschef Andrij Jermak entlassen müssen – Antikorruptionsermittlungen gegen sein unmittelbares Umfeld sind damit kein neues Phänomen.
Was die Quellen zeigen
Der Kern der ursprünglichen Meldung – dass Fedorow per Video Wahlen während des Krieges gefordert hat – wird von einer APA/dpa-Agenturmeldung getragen und unabhängig davon auch von internationalen Medien wie Bloomberg, CNN, der Kyiv Post und Meduza berichtet. Selenskyjs Zurückweisung stützt sich auf ein AFP-Zitat, das übereinstimmend von ORF, Der Standard und Kleine Zeitung wiedergegeben wird – für den Kernvorgang der Reaktion liegt damit eine solide, mehrfach unabhängig bestätigte Quellenlage vor.
Auch Selenskyjs neue Angaben zur EU-Forderung von 30 Milliarden Euro sowie zur Haushaltslücke stammen aus einer Agenturmeldung (offenbar dpa), die unter anderem von Die Presse, Der Standard und swissinfo.ch unabhängig voneinander übernommen wurde – auch hier liegt eine breite, übereinstimmende Berichterstattung vor. Deutlich schwächer belegt sind dagegen die Angaben zur Frontlage: Die genannten Gebiets-Quadratkilometer stammen ausschließlich von Selenskyj selbst, ohne unabhängige Bestätigung – die Quelle vermerkt dies explizit. Ebenso beruhen die Detailangaben zur norwegischen Unterstützung und zur russischen Mobilisierungsplanung auf Einzelquellen und sind nicht amtlich bestätigt. Bei den NABU/SAP-Razzien bleibt die Quellenlage unverändert: ORF stützt sich auf einen Bericht der Kyiv Independent, der wiederum auf vertrauliche Quellen verweist; NABU selbst bestätigte zwar eine Sonderoperation, nannte aber keine Namen.
Was unklar bleibt
Offen bleibt weiterhin, ob Fedorow mit seinem Vorstoß tatsächlich eine eigene Präsidentschaftskandidatur vorbereitet – eine Bestätigung durch Fedorow selbst liegt nicht vor. Auch die genauen Gründe seiner Entlassung werden uneinheitlich dargestellt. Wie Verteidigungsminister Chmara, das Parlament oder Fedorow selbst auf Selenskyjs öffentliche Zurückweisung reagieren, ist ebenfalls offen.
Neu hinzugekommen ist die Frage, wie die EU sowie Frankreich und Deutschland auf Selenskyjs Forderung nach 30 Milliarden Euro reagieren – eine offizielle Stellungnahme liegt bislang nicht vor. Auch der genaue, offiziell bestätigte Umfang der norwegischen Unterstützung ist unklar, ebenso wie sich Selenskyjs Angaben zu ukrainischen und russischen Gebietsveränderungen unabhängig überprüfen lassen und ob Russland die erwartete Mobilisierung von 300.000 Soldaten im September tatsächlich umsetzt. Gegen wen genau sich die NABU-Ermittlungen richten und welche konkreten Vorwürfe im Detail erhoben werden, bleibt mangels offizieller Namensnennung ebenfalls unklar.
Einordnung
Reguläre Präsidentschafts-, Parlaments- und Kommunalwahlen sind in der Ukraine seit Verhängung des Kriegsrechts nach Beginn der russischen Großinvasion 2022 ausgesetzt. Mit Selenskyjs öffentlicher Zurückweisung liegt erstmals eine offizielle Reaktion auf Fedorows im August aufgeworfene Forderung vor – die Auseinandersetzung bleibt damit ein offener innenpolitischer Konflikt statt eines einseitigen Vorstoßes.
Dass Selenskyj dieselbe Pressebegegnung nutzte, um eine konkrete Finanzforderung an die EU zu stellen und die militärische Lage in seinem Sinn darzustellen, zeigt, wie eng innen- und außenpolitische Kommunikation der ukrainischen Führung derzeit verknüpft sind: Die Ablehnung von Wahlen und die Bitte um westliche Milliardenhilfe fallen in denselben öffentlichen Auftritt. Die zeitgleich laufenden Antikorruptionsermittlungen gegen Abgeordnete und eine enge Beraterin Selenskyjs reihen sich in ein wiederkehrendes Muster ein – bereits die Entlassung des früheren Amtschefs Jermak Ende November 2025 war Folge ähnlicher Ermittlungen. Ob und wie Razzien, Fedorows Forderung, die EU-Finanzbitte und Selenskyjs Absage zusammenhängen, lässt sich nach derzeitiger Quellenlage nicht abschließend beurteilen – die Häufung deutet aber auf spürbaren innen- wie außenpolitischen Druck auf das Präsidialamt hin, während der Krieg gegen Russland andauert und Moskau seinerseits im September eine Parlamentswahl auch in besetzten Gebieten plant.