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Die israelische Armee hat mehr als zweieinhalb Jahre nach dem Tod der fünfjährigen Palästinenserin Hind Rajab eine strafrechtliche Untersuchung angeordnet. Grund seien laut Armeeangaben mögliche Versäumnisse bei der Koordination der Fahrt eines Rettungswagens des Palästinensischen Roten Halbmonds gewesen. Internationale Medien berichten zudem, die Armee habe erstmals eingeräumt, dass eigene Soldaten auf das Fahrzeug der Familie gefeuert hätten. Die Entscheidung ist Teil einer Überprüfung von 150 Vorfällen im Gazastreifen durch den Ausschuss FFAM; bei einem weiteren der am Mittwoch veröffentlichten fünf Fälle – der Tötung von 15 Palästinensern 2025 – wurden ebenfalls strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet.

Hind Rajab war am 29. Jänner 2024 während der Flucht ihrer Familie aus Gaza-Stadt getötet worden, nachdem sie zuvor ein stundenlanges Telefonat mit dem Roten Halbmond geführt hatte. Ihre Leiche wurde mit sechs Angehörigen und zwei zu Hilfe gekommenen Rettungssanitätern gefunden. Der Fall wurde durch das für einen Oscar nominierte Dokudrama „Die Stimme von Hind Rajab“ international bekannt.

Die Meldung fällt in eine Phase anhaltender Kritik an Israels Vorgehen in Gaza, wenige Tage nachdem Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir öffentlich nächtliche Tötungen von „30 bis 40“ Menschen gefordert hatte. Offen bleiben Details zur Verzögerung der Ermittlungen und Reaktionen der Betroffenen sowie palästinensischer und internationaler Stellen.

Was passiert ist

Die israelische Armee hat mehr als zweieinhalb Jahre nach dem Tod der fünfjährigen Palästinenserin Hind Rajab eine strafrechtliche Untersuchung angeordnet. Grund seien mögliche Versäumnisse bei der Koordination der Fahrt jenes Rettungswagens des Palästinensischen Roten Halbmonds gewesen, der zum Fahrzeug der Familie unterwegs war, teilte die Armee laut ORF und DER STANDARD mit. Internationale Medien wie CNN berichten darüber hinaus, die Armee habe damit erstmals eingeräumt, dass eigene Soldaten auf das Fahrzeug gefeuert hätten, in dem sich das Mädchen befand.

Die Entscheidung ist Teil eines größeren Pakets: Der militärische Untersuchungsausschuss FFAM (Fact-Finding and Assessment Mechanism) hat nach eigenen Angaben insgesamt 150 Vorfälle im Gazastreifen geprüft, von denen am Mittwoch fünf Entscheidungen veröffentlicht wurden. Bei einem weiteren dieser fünf Fälle – der Tötung von 15 Palästinensern im Jahr 2025, darunter medizinisches Personal und humanitäre Helfer – wurden ebenfalls strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet. Bei den übrigen drei untersuchten Vorfällen kam es laut DER STANDARD nicht dazu.

Der Fall Hind Rajab

Die Fünfjährige hatte am 29. Jänner 2024 ein verzweifeltes, stundenlanges Telefonat mit dem Palästinensischen Roten Halbmond geführt, nachdem das Auto ihrer Familie beim Versuch, vor der vorrückenden israelischen Armee aus Gaza-Stadt zu fliehen, unter Beschuss geraten war. Tage später wurde ihre Leiche aus dem Fahrzeug geborgen, zusammen mit den Leichen von sechs Angehörigen und zwei Rettungsmitarbeitern des Roten Halbmonds, die zu Hilfe gekommen waren. Die beiden Sanitäter seien nach Angaben des israelischen Militärs getötet worden, als die Armee eine Granate auf deren Fahrzeug abfeuerte.

Der Fall sorgte 2024 international für Schlagzeilen und Kritik am Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen. Bekannt wurde er unter anderem durch den Dokudrama-Film „Die Stimme von Hind Rajab“, der die Geschehnisse rekonstruiert und für einen Oscar nominiert war.

Einordnung

Die Ermittlungsentscheidung fällt in eine Phase anhaltender internationaler Kritik an der israelischen Kriegsführung im Gazastreifen. Erst wenige Tage zuvor hatte, wie mehrere internationale Medien wie Al Jazeera und CBS News sowie österreichische Zeitungen berichteten, Israels Nationaler-Sicherheits- und Polizeiminister Itamar Ben-Gvir in einem Podcast-Gespräch gefordert, in Gaza pro Nacht gezielt „30 bis 40“ Menschen zu töten. Ben-Gvir hat zwar keine Befehlsgewalt über die Armee, gilt aber als einflussreiche Figur in der Regierungskoalition von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu. Die zeitliche Nähe der beiden Meldungen zeigt, wie unterschiedlich innerhalb Israels selbst über den Umgang mit zivilen Opfern im Gazastreifen diskutiert wird – von einer erstmaligen strafrechtlichen Aufarbeitung eines Einzelfalls bis zu offenen Forderungen nach mehr gezielten Tötungen.

Wie „Neue Nachrichten“ bereits berichtet hat, reihen sich beide Meldungen in eine Serie von Berichten über anhaltende tödliche israelische Einsätze im Gazastreifen trotz der seit Oktober 2025 geltenden Waffenruhe ein, bei denen die Gesamtzahl der laut palästinensischen Stellen seither Getöteten wiederholt nach oben korrigiert wurde.

Was unklar bleibt

Offen bleibt, warum die Entscheidung zur strafrechtlichen Untersuchung erst zweieinhalb Jahre nach dem Tod von Hind Rajab fiel und welche konkreten Versäumnisse bei der Koordination der Rettungsfahrt festgestellt wurden. Auch eine Stellungnahme des Palästinensischen Roten Halbmonds, der Familie des Mädchens oder internationaler Menschenrechtsorganisationen zur jetzigen Entscheidung liegt in den ausgewerteten Quellen nicht vor. Unklar ist zudem, zu welchem Ergebnis die nun eingeleiteten Ermittlungen der israelischen Militärjustiz führen werden und ob es zu Anklagen kommt. Auch die Hintergründe der drei am Mittwoch veröffentlichten Untersuchungsberichte, bei denen keine strafrechtlichen Ermittlungen eingeleitet wurden, sind bislang nicht im Detail bekannt.