Der Donaustädter SPÖ-Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy soll bei einem privaten Treffen mit dem mittlerweile zurückgetretenen Wiener Wirtschaftskammer-Chef Walter Ruck davon gesprochen haben, Gemeindewohnungen zu „verklopfen“. Laut einem Gesprächsprotokoll, das „Krone“ und „profil“ vorliegt, brachte er eine Reduktion des Bestands von rund 220.000 auf 100.000 bis 150.000 Wohnungen ins Spiel und bezeichnete eine frühere Ankündigung von Ex-Bürgermeister Michael Häupl über 2.000 neue Gemeindewohnungen als „völligen Schwachsinn“. Nevrivy hat seine Teilnahme am Treffen bestätigt.
Bürgermeister Ludwigs Sprecher wies Privatisierungspläne zurück, Nevrivy selbst erklärte, sich an den genauen Wortlaut der seiner Darstellung nach widerrechtlich aufgezeichneten Gespräche nicht mehr zu erinnern, und bekannte sich zum sozialen Wohnbau. FPÖ und Grüne reagierten scharf: Die FPÖ forderte Rücktritte, die Grünen kündigten einen Antrag gegen Gemeindebau-Verkäufe an. Nun fordert auch die Sozialistische Jugend Wien unter ihrer Vorsitzenden Lena Stern öffentlich Nevrivys Rücktritt; sie habe ihn zuvor persönlich kontaktiert und kündigte an, dass die SPÖ-Wien-Gremien die Causa im September behandeln würden. Nevrivys Büro wollte dazu nicht Stellung nehmen.
Offen bleibt, wie das Protokoll entstand und an die Medien gelangte, wie Walter Ruck selbst dazu Stellung nimmt, ob der angekündigte Grünen-Antrag im Gemeinderat beschlossen wird und wie die SPÖ-Wien-Gremien im September über Nevrivys politische Zukunft entscheiden.
Was passiert ist
Der Donaustädter SPÖ-Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy steht im Zentrum einer neuen Wendung der sogenannten Ruck-Leaks. Bei einem mehrstündigen privaten Gespräch mit dem mittlerweile zurückgetretenen Chef der Wiener Wirtschaftskammer, Walter Ruck, soll Nevrivy laut einem Gesprächsprotokoll, das nach übereinstimmenden Berichten von „Krone“ und „profil“ vorliegt, davon gesprochen haben, Gemeindewohnungen zu „verklopfen“. Nevrivy brachte demnach eine Reduktion des Bestands von derzeit rund 220.000 auf 100.000 bis 150.000 Gemeindewohnungen ins Spiel. Er hat seine Teilnahme an dem Treffen mittlerweile selbst bestätigt. Als Reaktion darauf fordert nun die Sozialistische Jugend Wien öffentlich seinen Rücktritt.
Was die Quellen zeigen
Laut den von profil veröffentlichten Auszügen äußerte sich Nevrivy im Gespräch abfällig über die eigene Partei: Die SPÖ könne „nicht wirtschaften“, auch über Bundesparteichef Andreas Babler und weitere Parteifreunde soll er sich negativ geäußert haben. Besonders deutlich wird er laut Protokoll bei der Erinnerung an eine Ankündigung von Ex-Bürgermeister Michael Häupl, der 2015 im Wahlkampf den Bau von 2.000 neuen Gemeindewohnungen versprochen hatte: Nevrivy bezeichnete dies als „völligen Schwachsinn“ und sagte, „dümmer“ könne man es „nicht mehr machen“. Zu den Gemeindewohnungen selbst soll er gesagt haben, diese seien „inzwischen Sozialwohnungen“, er brauche aber „keine 220.000 Sozialwohnungen“ — 100.000 oder 150.000 würden reichen.
Reaktionen
Ein Sprecher von Bürgermeister Michael Ludwig wies laut ORF-Berichterstattung unter Verweis auf die „Krone“ eine Privatisierung zurück: Stadt und Stadtregierung hätten sich „stets gegen eine Privatisierung von Gemeindewohnungen ausgesprochen“, ein Verkauf sei „niemals angedacht“ worden und auch künftig „nicht vorstellbar“. Nevrivy selbst erklärte gegenüber dem ORF Wien, er könne sich an den genauen Wortlaut der seiner Darstellung nach „widerrechtlich aufgezeichneten“ Gespräche nicht mehr erinnern, bekenne sich aber „bedingungslos“ zum sozial geförderten Wohnbau und habe nie mit Investoren über Privatisierungen gesprochen. Die FPÖ forderte laut ORF Wien den Rücktritt sowohl Ludwigs als auch Nevrivys. Die Wiener Grünen um Wohnsprecher Georg Prack kündigten per Presseaussendung einen Antrag für die erste Gemeinderatssitzung nach der Sommerpause an, der jeden Verkauf von Gemeindebauten rechtlich ausschließen soll; wer 100.000 Gemeindewohnungen verkaufen wolle, verspiele „endgültig das Erbe des Roten Wien“, so die Partei.
Nun kommt Druck auch aus der eigenen Partei: Die Vorsitzende der Sozialistischen Jugend Wien, Lena Stern, forderte am 22. August auf Instagram offen Nevrivys Rücktritt. „Gemeindebauten anzugreifen und hinter verschlossenen Türen von Privatisierungen zu sprechen, hat im Roten Wien keinen Platz“, schrieb Stern laut ORF Wien; „halbherzige Entschuldigungen“ reichten nicht aus, es müssten Konsequenzen folgen. Stern teilte mit, sie habe Nevrivy vor der öffentlichen Forderung auch persönlich kontaktiert, und kündigte an, dass die Gremien der SPÖ Wien im September tagen und sich „sicher auch“ mit der Causa befassen würden. Aus Nevrivys Büro hieß es auf ORF-Anfrage, man werde das Posting der Sozialistischen Jugend nicht kommentieren. Der Standard und der Kurier griffen die Rücktrittsforderung ebenfalls auf.
Was unklar bleibt
Offen bleibt, wie das Gesprächsprotokoll zustande kam, wer es anfertigte und auf welchem Weg es an die Medien gelangte — Nevrivy selbst spricht von einer widerrechtlichen Aufzeichnung. Auch eine eigene Stellungnahme Walter Rucks zu den Nevrivy-Aussagen liegt bislang nicht vor. Wie SPÖ-Bundesparteichef Andreas Babler, der laut Protokoll ebenfalls Ziel abfälliger Bemerkungen Nevrivys gewesen sein soll, reagiert, ist aus den vorliegenden Quellen nicht ersichtlich. Unklar ist zudem, ob der von den Grünen angekündigte Antrag im Gemeinderat tatsächlich zur Abstimmung kommt und welche Mehrheiten sich dafür finden. Neu hinzugekommen ist die Frage, wie die SPÖ-Wien-Gremien bei ihrer für September angekündigten Sitzung über die Causa entscheiden und ob Nevrivy im Amt bleibt oder zurücktritt — eine offizielle Positionierung von SPÖ Wien oder der Bundespartei über Nevrivys Büro hinaus liegt bislang nicht vor.
Einordnung
Politikwissenschaftler Peter Filzmaier sieht in der Wortmeldung eines einflussreichen SPÖ-Bezirksvorstehers doppelten Sprengstoff, wie er gegenüber dem ORF Wien darlegte: Privatisierung sei traditionell kein Thema der Sozialdemokratie, sondern eher rechten Parteien zuzuordnen, und die Aussagen könnten sich zu einem länger andauernden innerparteilichen Streitthema entwickeln. Die öffentliche Rücktrittsforderung der eigenen Jugendorganisation bestätigt diese Einschätzung: Der Konflikt ist nicht mehr nur eine Auseinandersetzung zwischen Nevrivy und den Oppositionsparteien, sondern trägt sich inzwischen offen innerhalb der SPÖ aus. Die Episode reiht sich in die bereits laufende Debatte um die sogenannten Ruck-Leaks ein, die im Sommer 2026 bereits zum Rücktritt Walter Rucks als Wirtschaftskammer-Präsident und zu dessen Parteiausschluss aus der ÖVP geführt sowie Bürgermeister Ludwig wegen dessen langjähriger Nähe zu Ruck unter Druck gebracht hatten.
