Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) hat bei seiner Sommertour in Salzburg mit einer Aussage zu unbezahlter Kinderbetreuung für Aufsehen gesorgt. Auf die Frage einer Bürgerin, die auf durchschnittlich 96 unbezahlte Wochenstunden Kinderbetreuung von Frauen hinwies, sagte Stocker im Hotel Pitter: „Ich würde Kinderbetreuung nicht als Arbeit sehen.“ Familie sei für ihn keine wirtschaftliche Leistung, sondern gegenseitige Verantwortung; er habe seine Kinder nicht „als Rechenbeispiel“ erzogen. Die Aussage löste im Saal Widerspruch und Buhrufe aus, Berichten zufolge widersprach auch Moderatorin Arabella Kiesbauer offen.
Politisch kritisierten FPÖ-Chef Herbert Kickl, seine Parteikollegin Marlene Svazek und Grünen-Chefin Leonore Gewessler den Kanzler scharf; auch aus dem Koalitionspartner SPÖ kam über Frauensprecherin Sabine Schatz Kritik. Am 7. August entschuldigte sich Stocker daraufhin in einer Aussendung ausdrücklich: „Ein Satz von mir sorgt gerade für Diskussionen. Zu Recht, denn er ist falsch.“ Kinderbetreuung sei Arbeit, gerade Frauen würden damit Großartiges leisten, so der Kanzler. Aus der eigenen Partei erhielt er danach Rückendeckung von NÖ-Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und ÖVP-Frauenchefin Juliane Bogner-Strauß.
Trotz der Entschuldigung ging die Debatte weiter: Am 8. August bezeichnete AK-Präsidentin Renate Anderl in der Ö1-Sendung „Im Journal zu Gast“ unbezahlte Kinderbetreuung als „Hundsarbeit“ – anstrengend, unbezahlt und ohne Arbeitszeitgrenze, weiterhin überwiegend von Frauen geleistet. Die Entschuldigung nannte sie „gut“, forderte aber konkrete Taten, etwa die Gleichstellung von Teilzeit- und Vollzeit-Überstunden. Im selben Interview rief sie – als separates Thema – auch ihre eigene Partei, die SPÖ, angesichts schlechter Umfragewerte zu mehr Geschlossenheit auf. Offen bleiben der vollständige Wortlaut der ursprünglichen Diskussion, eine ausführlichere offizielle Stellungnahme des Kanzleramts sowie die Frage, ob sich die Debatte über unbezahlte Care-Arbeit im Herbst in konkreter Regierungsarbeit niederschlägt.
Was passiert ist
Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) hat bei einer Station seiner Sommertour in Salzburg mit einer Aussage zu unbezahlter Kinderbetreuung für Aufsehen gesorgt. Im Rahmen des Formats „Österreich im Gespräch“ diskutierte er im Hotel Pitter mit rund 200 von einem Meinungsforscher ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern. Auf die Frage einer Teilnehmerin, ob ihm bewusst sei, dass Frauen in Österreich im Schnitt 96 Stunden pro Woche unbezahlte Kinderbetreuung leisten, „ohne Sonntagszuschlag, ohne Wochenende, ohne bezahlten Urlaub“, antwortete Stocker: „Ich würde Kinderbetreuung nicht als Arbeit sehen, sage ich Ihnen ganz ehrlich.“ Familie sei für ihn keine wirtschaftliche Leistung, sondern bedeute gegenseitige Verantwortung. Wörtlich fügte er hinzu, wer Familien als „Business Case“ oder „Rechenbeispiel“ begreife, habe ein anderes Familienbild als er selbst, und dass er seine eigenen Kinder nicht „als Rechenbeispiel“ erzogen habe.
Reaktionen und Kritik
Die Aussage sorgte im Saal für Widerspruch: Laut übereinstimmenden Berichten kam es zu Buhrufen. Mehrere Medien, die nicht Teil des unmittelbar vorliegenden Berichts-Clusters sind, berichten zudem, dass auch die Moderatorin der Veranstaltung, Arabella Kiesbauer, dem Kanzler öffentlich widersprochen und auf die Bedeutung der von Müttern geleisteten Arbeit für das Funktionieren des Systems hingewiesen habe – dieses Detail stützt sich bislang aber nur auf zwei Quellen und ist daher als nicht abschließend gesichert einzustufen.
Politisch reagierten in den Tagen danach nicht nur die Opposition, sondern auch der Koalitionspartner SPÖ empört. FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl kritisierte den Kanzler laut Berichten scharf, ebenso seine Parteikollegin Marlene Svazek, der zufolge Stockers Aussage „unverschämt und zynisch“ gewesen sei. Grünen-Chefin Leonore Gewessler warf Stocker laut Die Presse vor, die unbezahlte Arbeit von Müttern zu verhöhnen. Aus der SPÖ meldete sich laut Berichten Frauensprecherin Sabine Schatz zu Wort und forderte, unbezahlte Arbeit endlich sichtbar zu machen statt sie kleinzureden – diese Reaktion ist bislang nur über zwei Medien dokumentiert, eine Original-Aussendung der SPÖ liegt nicht vor.
Stockers Entschuldigung
Am Mittag des 7. August 2026 reagierte Stocker mit einer eigenen Aussendung: „Ein Satz von mir sorgt gerade für Diskussionen. Zu Recht, denn er ist falsch“, schrieb der ÖVP-Obmann. Er entschuldigte sich „in aller Deutlichkeit“ bei allen, die sich durch seine Aussage verletzt, beleidigt oder nicht wertgeschätzt gefühlt hätten, und stellte klar: „Kinderbetreuung ist Arbeit. Gerade Frauen, die in den allermeisten Familien immer noch den Großteil der Kindererziehung übernehmen, leisten damit Großartiges.“ Mütter, Väter und Großeltern würden bei der Betreuung und Erziehung von Kindern einen unermesslichen Beitrag für die Gesellschaft und die Zukunft des Landes leisten und dafür Dank, Hochachtung und Unterstützung verdienen, so Stocker weiter.
Aus der eigenen Partei erhielt der Kanzler nach der Entschuldigung Rückendeckung: NÖ-Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner war ihm bereits zuvor zur Seite gesprungen und hatte erklärt, sie kenne den Kanzler so, dass Kinder für Eltern bei aller Arbeit vor allem auch Freude bedeuten würden. ÖVP-Frauenchefin Juliane Bogner-Strauß betonte nach Stockers Klarstellung, Aufgabe der Politik sei es, die Leistung der Mütter zu würdigen und Frauen mit guter Kinderbetreuung, echter Wahlfreiheit und besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu unterstützen.
AK-Präsidentin Anderl: „Hundsarbeit“ und Forderung nach Taten
Trotz der Entschuldigung riss die Debatte nicht ab. Am Samstag, dem 8. August 2026, äußerte sich AK-Präsidentin Renate Anderl in der Ö1-Sendung „Im Journal zu Gast“ zu Stockers Aussage und nannte sie eine „unfassbare Aussage“. „Jeder, der Kinder hat, weiß ganz genau, dass es in Wirklichkeit eine Hundsarbeit ist, eine wirklich anstrengende Arbeit ohne Bezahlung“, so Anderl. Sie ergänzte, es sei „eine schöne Arbeit“, aber erstens unbezahlt und zweitens ohne jede Arbeitszeitgrenze. Unbezahlte Sorgearbeit werde weiterhin zu einem Großteil von Frauen übernommen.
Dass sich Stocker entschuldigt habe, sei „gut“, erklärte Anderl, nun aber müssten Taten folgen. Konkret forderte sie unter anderem, Überstunden bei Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigung gleichzustellen. Damit bleibt die Debatte über die gesellschaftliche und wirtschaftliche Anerkennung unbezahlter Care-Arbeit, die laut aktuellen AK-Zahlen eng mit der Einkommens- und Pensionslücke zwischen Frauen und Männern zusammenhängt (wie „Neue Nachrichten“ zum Equal Pension Day berichtete), auch nach der Entschuldigung des Kanzlers politisch virulent.
Im selben Interview äußerte sich Anderl – losgelöst von der Kinderbetreuungs-Debatte – auch zu ihrer eigenen Partei, der SPÖ, und rief angesichts schlechter Umfragewerte zu mehr Geschlossenheit auf: „Das fehlt mir derzeit bei der Sozialdemokratie“, sagte sie mit Blick auf Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil, der Bundesparteichef Andreas Babler zuletzt indirekt den Rücktritt nahegelegt hatte. Doskozil habe insofern recht, als „Feuer am Dach“ sei, so Anderl, Diskussionen über die Parteiführung sollten aber in den Gremien geführt werden.
Einordnung: Die Sommertour-Reihe
Die Veranstaltung in Salzburg war die sechste Station von Stockers Gesprächsreihe „Österreich im Gespräch“, mit der er durch alle neun Bundesländer tourt. Ziel der Reihe ist es laut Berichten, Bürgeranliegen zu sammeln und daraus Themen für die Regierungsarbeit im Herbst abzuleiten, etwa eine einheitliche Ausbildung für Rettungssanitäter. Das Auswahlverfahren für die rund 200 Teilnehmenden war bereits zuvor von der FPÖ kritisiert worden. Die Debatte um Stockers Aussage, seine Entschuldigung und Anderls anschließende Kritik reihen sich damit in eine seit Jahren geführte Diskussion über die gesellschaftliche und wirtschaftliche Anerkennung unbezahlter Care-Arbeit ein, die überwiegend von Frauen geleistet wird.
Was unklar bleibt
Aus den vorliegenden Quellen lässt sich der exakte Gesamtverlauf der ursprünglichen Diskussion nicht anhand einer Ton- oder Videoaufzeichnung nachvollziehen. Der genaue Wortlaut der Kritik von Leonore Gewessler ist ebenso wenig direkt dokumentiert wie eine mögliche ausführlichere, namentlich gezeichnete Stellungnahme des Bundeskanzleramts über die zitierte Aussendung Stockers hinaus. Die Position der SPÖ als Koalitionspartnerin ist bislang nur über die Wortmeldung ihrer Frauensprecherin bekannt, eine offizielle Aussendung der Partei liegt nicht vor. Offen bleibt zudem, ob und wie sich die politische Debatte über unbezahlte Kinderbetreuung im Zuge dieser Aussage fortsetzt, etwa in der für den Herbst angekündigten Regierungsarbeit, und ob Anderls konkrete Forderung nach gleichgestellten Teilzeit-/Vollzeit-Überstunden politisch aufgegriffen wird. Ebenso unklar ist, wie die SPÖ-Bundespartei und Andreas Babler auf Anderls Aufruf zur Geschlossenheit reagieren.
