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Der russische Staatskonzern VEB.RF hat seinen langjährigen Chefökonomen Andrei Klepatsch entlassen. Der 67-Jährige bestätigte dies gegenüber dem Magazin Forbes, ohne Gründe zu nennen. Mehrere russische Medien berichteten am 16. August übereinstimmend über den Rauswurf; eine zusätzlich recherchierte Agenturmeldung verweist zudem auf eine Bestätigung durch die Pressestelle von VEB.RF.

Auslöser dürften frühere öffentliche Äußerungen Klepatschs sein: Laut einem Bericht der Moscow Times über einen Vortrag im Mai hatte er erklärt, Russland könne den Abnutzungskrieg gegen die Ukraine nicht gewinnen und werde wirtschaftlich wie technologisch international ins Hintertreffen geraten. Zum genauen Grund der Entlassung kursieren widersprüchliche Berichte: Das Portal The Bell spricht von einem „Anruf von oben“ aus dem Kreml, die Zeitung Wedomosti von internen Meinungsverschiedenheiten mit dem Staatskonzern.

Eine offizielle Begründung von VEB.RF, eine Kremlreaktion oder eine ausführliche eigene Stellungnahme Klepatschs liegen bislang nicht vor. Der Fall fällt in eine Zeit, in der Kremlchef Wladimir Putin trotz wachsender wirtschaftlicher Probleme öffentlich an der Erwartung eines russischen Sieges festhält.

Was passiert ist

Der russische Staatskonzern VEB.RF, Russlands führende Institution für wirtschaftliche Entwicklung, hat seinen langjährigen Chefökonomen Andrei Klepatsch entlassen. Der 67-Jährige, der zwölf Jahre lang für das seit Kriegsbeginn mit westlichen Sanktionen belegte Unternehmen tätig war, bestätigte seine Entlassung gegenüber dem Magazin Forbes, nannte dafür aber keine Gründe. Mehrere russische Medien berichteten am Sonntagabend, dem 16. August, übereinstimmend über den Rauswurf, österreichische Medien griffen die Meldung tags darauf auf.

Auslöser dürften öffentliche Äußerungen Klepatschs sein, wonach es für Russland unmöglich sei, den Abnutzungskrieg gegen die Ukraine zu gewinnen. Er hatte zudem die Einschätzung vertreten, Russland steuere auf eine wirtschaftliche und soziale Krise zu.

Was die Quellen zeigen

Die Zeitung The Moscow Times hatte bereits im Mai über einen Vortrag Klepatschs im Club der Moskauer Börse berichtet. Ihr zufolge sagte er dort, die Ukraine werde wirtschaftlich nicht zusammenbrechen, während Russlands Kosten stiegen und das Land „sowohl im technologischen als auch im wirtschaftlichen Wettbewerb weltweit“ den Kürzeren ziehen werde. Die Rede soll nach Angaben eines weiteren Mediums in einem Format der Moskauer Börse stattgefunden haben, bei dem Klepatsch langfristig auch eine gesellschaftliche Krise für Russland als möglich bezeichnete.

Zur Begründung der Entlassung kursieren zwei unterschiedliche Darstellungen: Das unabhängige Portal The Bell berichtete unter Berufung auf eine anonyme Quelle, VEB.RF-Chef Igor Schuwalow habe Klepatsch nach einem „Anruf von oben“ – also aus dem Kreml – entlassen. Die Wirtschaftszeitung Wedomosti schrieb dagegen unter Berufung auf eigene Quellen bei VEB.RF, Klepatschs persönliche Einschätzungen der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung seien schlicht nicht mit der offiziellen Linie des Staatskonzerns vereinbar gewesen. Eine zusätzliche Recherche ergab zudem eine Agenturmeldung, wonach die Pressestelle von VEB.RF Klepatschs Ausscheiden aus der Position bestätigt habe – ein weiteres Indiz für die Grundtatsache der Trennung, ohne dass damit die genauen Beweggründe geklärt wären.

Was unklar bleibt

Offen bleibt, welche der beiden kursierenden Erklärungen für die Entlassung zutrifft – politischer Druck aus dem Kreml oder ein interner Dissens über die wirtschaftliche Lageeinschätzung. Eine eigene, ausführliche Stellungnahme Klepatschs liegt bislang nicht vor: Gegenüber Forbes bestätigte er lediglich die Tatsache seiner Entlassung, ohne Gründe zu nennen. Auch eine offizielle Erklärung von VEB.RF selbst sowie eine Reaktion des Kreml oder Putins zu dem Fall fehlen in den ausgewerteten Quellen. Unklar ist zudem, wie andere russische Wirtschaftsexpertinnen und -experten die Aussagen und die Entlassung Klepatschs bewerten – zitiert wird bislang nur eine Einschätzung zu seiner grundsätzlichen Offenheit, nicht zum konkreten Vorfall.

Einordnung

Der Fall ist deshalb bemerkenswert, weil der russische Machtapparat und die Staatskonzerne öffentlich stets betonen, die Lage sei trotz aller Probleme unter Kontrolle. Kremlchef Wladimir Putin, der die Invasion der Ukraine im Februar 2022 befohlen hatte, hält an der Erwartung eines russischen Sieges fest, obwohl seine Kriegsziele bislang nicht erreicht sind und die wirtschaftlichen Probleme im Land nach übereinstimmender Einschätzung der ausgewerteten Medien zunehmen. Dass ausgerechnet ein ranghoher Ökonom eines staatlichen Förderinstituts öffentlich Zweifel an einem russischen Sieg äußerte und kurz darauf seinen Posten verlor, wird von mehreren Beobachterinnen und Beobachtern als Beleg für einen engen Meinungskorridor in russischen Staatsinstitutionen während des Krieges gegen die Ukraine gewertet. Eine unabhängige Bestätigung dieser Deutung durch offizielle russische Stellen gibt es bislang nicht.