AfD-Chefin Alice Weidel hat im ZDF-Sommerinterview aus Wien die FPÖ erneut als Vorbild bezeichnet, Landeshauptmann Mario Kunasek als „Sympathieträger“ gelobt und den Euro-Ausstieg ausdrücklich als Position ihres Bundestagswahlprogramms bekräftigt. Zugleich kündigte sie Schengen-Austritt und die Rückführung aller 1,3 Millionen in Deutschland lebenden Syrer an und zeigte sich siegesgewiss für die Landtagswahlen im September; mit Blick auf Österreich ergänzte sie laut übereinstimmenden Medienberichten, ein FPÖ-Wahlsieg würde „dieses ganze Zeug“ ebenfalls abschaffen. Eine Kurier-Kolumne ordnet das Interviewformat ein (ZDF-Moderator Wulf Schmiese, Sendung „Berlin direkt“, rund 20 Minuten, Aufzeichnung in Wien statt Berlin) und verweist auf einen Präzedenzfall 2022 in Südtirol.
Die österreichische SPÖ hatte FPÖ und AfD bereits zuvor als „brandgefährliches“ Bündnis bezeichnet und FPÖ-Chef Herbert Kickl gefragt, ob auch er einen Euro-Austritt wolle; die Grünen zogen mit einer eigenen Aussendung nach und warfen beiden Parteien vor, eine Gefahr für Wohlstand und Sicherheit zu sein. Neu ist ein Bericht, der sich auf eine Stellungnahme der FPÖ gegenüber der „Kronen Zeitung“ beruft: Demnach ging es beim Treffen mit Weidel vor allem um Regierungserfahrung und Koalitionsfragen, einen Euro- oder Schengen-Austritt teile die FPÖ hingegen nicht – eine Einordnung, die bislang nur über eine einzelne Sekundärquelle vorliegt. Eine Kleine-Zeitung-Analyse bezeichnet das FPÖ-AfD-Bündnis zudem als „riskant“ für Kickl und einen Euro-/Schengen-Austritt als mögliche wirtschaftliche „Katastrophe“ – eine redaktionelle Einschätzung, keine Tatsachenfeststellung.
Offen bleibt, wie Kickl oder Kunasek persönlich auf Weidels Lob und die Vorwürfe reagiert haben, ob auch Schengen- und Klimapolitik-Ankündigungen offizielle AfD-Linie sind, wie ÖVP und Bundesregierung den Schlagabtausch bewerten und ob sich die Wahlprognose für Sachsen-Anhalt bestätigt.
Was passiert ist
AfD-Chefin Alice Weidel hat im ZDF-Sommerinterview, das in Wien aufgezeichnet wurde, die FPÖ erneut als Vorbild für ihre eigene Partei bezeichnet. Die AfD könne von den österreichischen Freiheitlichen lernen, sagte Weidel und lobte insbesondere den steirischen Landeshauptmann Mario Kunasek als „Sympathieträger“, der einen „unglaublich guten Job“ mache. Sie bekräftigte den geforderten Euro-Ausstieg ausdrücklich als Position ihres Bundestagswahlprogramms: Die AfD stehe zu dem Satz, Deutschland müsse aus dem Eurosystem austreten, da der Euro eine „instabile Weichwährung“ sei und eine „breite Verarmung arbeitender Bevölkerungsschichten“ verursache. Zugleich kündigte sie an, die Grenzen „zumachen“ und aus dem Schengen-Abkommen aussteigen zu wollen sowie alle 1,3 Millionen in Deutschland lebenden Syrer „zurückzuführen“. Mit Blick auf Österreich ergänzte Weidel laut übereinstimmenden Medienberichten, wenn die FPÖ hier gewinne, werde „dieses ganze Zeug“ – gemeint waren ihre Positionen zu Migration, Schengen, Euro und Klimapolitik – ebenfalls abgeschafft. Zu den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin im September zeigte sie sich siegesgewiss: „Wir werden in den ersten Bundesländern regieren“ und „auch im Bund regieren“. Eine Kurier-Kolumne ordnet das Interviewformat ein: Moderator war laut dieser Einschätzung ZDF-Journalist Wulf Schmiese im Format „Berlin direkt“, die Sendung habe rund 20 Minuten gedauert und sei in der Wiener Innenstadt statt wie üblich in Berlin aufgezeichnet worden; als Präzedenzfall wird genannt, dass Weidel schon 2022 im Urlaub in Südtirol interviewt worden sei. Die Aussagen fallen zudem in eine Phase historisch schlechter Umfragewerte für Kanzler Friedrich Merz, dessen Arbeit laut einer Forsa-Erhebung 85 Prozent der Befragten unzufrieden sieht.
Die Reaktion von SPÖ und Grünen
Die österreichische SPÖ reagierte auf das Interview mit einer scharfen Presseaussendung ihres Bundesgeschäftsführers Seltenheim. Darin bezeichnete die Partei FPÖ und AfD als „brandgefährlich“ und warnte, ein Euro-Ausstieg würde Österreich „in den wirtschaftlichen Abgrund“ führen. Seltenheim richtete die Frage direkt an FPÖ-Chef Herbert Kickl, ob auch er einen Austritt Österreichs aus dem Euro anstrebe. Auch die Grünen zogen laut einer eigenen Presseaussendung nach: Sprecherin Disoski warf FPÖ und AfD vor, eine Gefahr für Wohlstand und Sicherheit Österreichs und Europas zu sein, und fragte Kickl in ähnlicher Weise, ob er Österreich aus Euro und Schengen führen wolle. Beide Aussendungen greifen Weidels Ankündigungen damit als Steilvorlage im innenpolitischen Schlagabtausch mit der FPÖ auf.
Wie die FPÖ reagiert haben soll
Neu ist ein Bericht von heute.at, der sich auf eine Stellungnahme der FPÖ gegenüber der „Kronen Zeitung“ beruft: Demnach drehte sich das Treffen zwischen FPÖ-Vertretern und Weidel vor allem um Erfahrungen aus der Regierungsbeteiligung auf Länderebene sowie um Koalitionsfragen, den Digital Services Act und „Debanking“ als Thema. Bei einem Euro- oder Schengen-Austritt teile die FPÖ Weidels Forderungen dieser Darstellung nach nicht; bei Rückführungen und der Kritik an der EU zeige man sich hingegen ähnlicher Auffassung. Diese Einordnung stammt bislang nur aus einer einzelnen Sekundärquelle, die eine Stellungnahme gegenüber einem anderen Medium wiedergibt – der Wortlaut der FPÖ-Stellungnahme selbst liegt nicht vor, und eine persönliche Reaktion von Kickl oder Kunasek auf Weidels Lob beziehungsweise auf die Vorwürfe von SPÖ und Grünen ist aus den Quellen weiterhin nicht ersichtlich.
Wahlkampf-Kontext: Landtagswahlen im September
Weidels Auftritt fällt in eine unmittelbare Wahlkampfphase: Der Standard ordnet ihr wiederholtes Lob für Kunasek auch als Ausdruck des Wunsches ein, in Deutschland ähnliche Regierungserfahrung wie die FPÖ in der Steiermark zu sammeln – und schätzt ein, die AfD könne bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erstmals stimmenstärkste Partei in einem deutschen Bundesland werden. Als Spitzenkandidat dort wird Ulrich Siegmund genannt. Diese Einschätzung ist eine mediale Prognose und kein feststehendes Ergebnis; ob sie eintrifft, ist offen.
Mediale Einordnungen: Kolumne und Analyse
Neben der nachrichtlichen Berichterstattung ordnen zwei erkennbar wertende Beiträge das Interview zusätzlich ein. Die Kurier-Kolumne „Wir schauen fern“ beschreibt den Auftritt als „Hudelei“, in der Weidel den ZDF-Moderator einmal versehentlich „Herr Wulf“ nannte, sich aber – anders als hierzulande üblich – nicht über dessen Unterbrechungen beschwerte; die Kolumne verweist zugleich darauf, dass Auslandsauftritte bei Sommerinterviews kein Novum seien. Eine Analyse der Kleinen Zeitung (Walter Hämmerle) bezeichnet das Bündnis zwischen FPÖ und AfD als „riskant“ für Kickl und bewertet einen Euro- und Schengen-Austritt, wie ihn Weidel fordert, als mögliches Ende der EU „in ihrer heutigen Form“ und als potenzielle „Katastrophe“ für die Wirtschaft Deutschlands wie Österreichs. Beide Einschätzungen sind redaktionelle Meinungen einzelner Autoren beziehungsweise Medien – keine Position der FPÖ oder AfD selbst und keine unabhängig geprüfte Tatsachenfeststellung.
Was die Quellen zeigen
Die zentralen Aussagen Weidels sind durch mehrere voneinander unabhängige Medienberichte sowie einen als APA/AFP gekennzeichneten Agenturbeitrag mit übereinstimmenden Zitaten dokumentiert, was sie vergleichsweise gut absichert – ebenso wie ihre zusätzliche Österreich-Bemerkung, die von zwei unabhängigen Medien übereinstimmend wiedergegeben wird. Auch Existenz und Kerninhalt der Presseaussendungen von SPÖ und Grünen sind eindeutig, da es sich um von den Parteien selbst verbreitete Aussendungen handelt, wobei die Grünen-Aussendung nur über einen Aggregator und nicht direkt über die offizielle OTS-Seite vorliegt. Deutlich schwächer belegt ist die berichtete FPÖ-Reaktion: Sie beruht auf einer einzigen Sekundärquelle, die eine Stellungnahme gegenüber einem anderen Medium wiedergibt, nicht auf einer selbst gelesenen Originalaussage. Ebenfalls als Einschätzungen einzelner Redaktionen – nicht als geprüfte Fakten – einzuordnen sind die Kolumnen- und Analysetexte von Kurier und Kleiner Zeitung sowie die Wahlprognose Der Standards zu Sachsen-Anhalt.
Was unklar bleibt
Offen ist weiterhin, ob und wie Kickl oder Kunasek persönlich – über die durch heute.at berichtete Stellungnahme gegenüber der „Kronen Zeitung“ hinaus – auf Weidels Lob und auf die Vorwürfe von SPÖ und Grünen reagiert haben. Der vollständige Wortlaut sowohl dieser FPÖ-Stellungnahme als auch der SPÖ- und Grünen-Aussendungen liegt nicht vor. Während Weidel den Euro-Ausstieg ausdrücklich als Programmposition bezeichnete, bleibt unklar, ob dies auch für ihre Ankündigungen zu Schengen-Austritt und Klimapolitik gilt. Eine Reaktion von ÖVP oder Bundesregierung auf den mittlerweile mehrseitigen Schlagabtausch fehlt in den vorliegenden Quellen ebenso wie das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die erst zeigen wird, ob die von Der Standard beschriebene Möglichkeit einer historischen AfD-Mehrheit eintritt.
Einordnung
Der Vorgang bewegt sich klar im Rahmen politischer Auseinandersetzung: Weidels Auftritt in Wien diente erkennbar der Selbstpositionierung der AfD vor den Landtagswahlen im September, während SPÖ und Grüne die Aussagen umgehend für die innenösterreichische Konfrontation mit der FPÖ nutzten. Die FPÖ selbst positioniert sich – soweit über eine Sekundärquelle bekannt – differenzierter, als es die Zuschreibung eines bedingungslosen „Bündnisses“ nahelegen würde: Bei Euro und Schengen hält sie sich demnach von Weidels Forderungen fern, bei Migration und EU-Kritik zeigt man sich näher beieinander. Auch österreichische Medien rahmen das Interview unterschiedlich – von der programmatischen Substanz der Euro- und Schengen-Forderungen über kolumnistische Einordnungen des Interviewformats bis zu Analysen, die wirtschaftliche Risiken eines Euro-/Schengen-Austritts betonen und das Bündnis als Belastung für Kickl beschreiben. Diese wertenden Einschätzungen stammen erkennbar von den jeweiligen Medien selbst, nicht von den beteiligten Parteien.
