Im besetzten Westjordanland haben maskierte israelische Siedler im Dorf Jalud bei Nablus ein Team des US-Senders NBC News und eine palästinensische Anwohnerin mit Stöcken und Steinen angegriffen. Mehrere Personen wurden verletzt, das Team berichtete selbst aus erster Hand über den Vorfall. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu verurteilte die Tat als „kriminelle Gewalttat“ einer „Handvoll Randalierer“. Am selben Tag verschanzten sich im nahegelegenen Dorf Qusra Dutzende Siedler in einem palästinensischen Haus; die israelische Armee bestätigte den Vorfall. Berichten zufolge dauert die Belagerung mehrerer Häuser in Qusra bereits seit mehr als drei Wochen an.
Einem neuen Bericht der palästinensischen Nachrichtenagentur WAFA zufolge haben Siedler zudem eine christliche Familie aus ihrem Haus im nahen Ort Taiba bei Ramallah vertrieben. Die Familie habe das Haus sieben Jahre lang gebaut und umgerechnet knapp 300.000 Euro investiert, sei aber erst eine Woche zuvor eingezogen; zuvor sollen Siedler wiederholt angegriffen, Überwachungskameras gestohlen sowie Internetkabel und Zaun durchtrennt haben. Israels Armee erklärte auf Anfrage, sie gehe dem Bericht nach – eine unabhängige Bestätigung fehlt bislang, die Darstellung stützt sich allein auf die Schilderung der Familie gegenüber WAFA.
Weniger gesichert sind auch weitere Zusatzangaben, die ausschließlich von palästinensischer Seite stammen, etwa zu Pfeffersprayeinsatz und Feldbränden in Jalud sowie zur genauen Dauer der Dorf-Abriegelungen. Die Vorfälle reihen sich in eine anhaltende Debatte um EU-Sanktionen gegen Israels Siedlungspolitik ein, über die „Neue Nachrichten“ bereits berichtet hat.
Was passiert ist
Im besetzten Westjordanland ist es erneut zu gewaltsamen Übergriffen israelischer Siedler auf Palästinenser gekommen. Im Dorf Jalud südlich von Nablus griffen maskierte Siedler ein Team des US-Senders NBC News sowie eine palästinensische Anwohnerin an, die von den Journalisten zu den Umständen ihrer Vertreibung aus dem Familienhaus befragt worden war. Nach Angaben des Senders fuhr ein Fahrzeug mit israelischem Kennzeichen auf die Gruppe zu, mehrere maskierte Männer stiegen aus, schlugen mit Stöcken zu und warfen Steine. Sowohl die Anwohnerin als auch Mitglieder des Filmteams wurden verletzt und im Anschluss medizinisch versorgt.
Am selben Tag ereignete sich im rund zehn Kilometer entfernten Dorf Qusra ein weiterer, eigenständiger Vorfall: Dutzende israelische Randalierer verschanzten sich dort in einem von einer palästinensischen Familie bewohnten Haus. Die israelische Armee bestätigte den Vorfall und erklärte, eintreffende Sicherheitskräfte seien zunächst gegen die Eindringlinge vorgegangen, um sie aus dem Gebäude zu entfernen und die Bewohner im Inneren zu schützen. Mehrere Fahrzeuge der Randalierer seien beschlagnahmt und der Polizei für Ermittlungen gegen die Tatverdächtigen übergeben worden. Berichten vom 31. August zufolge dauert die Belagerung mehrerer Häuser in Qusra durch radikale Siedler bereits seit mehr als drei Wochen an; die Bewohner harren dort aus, weil sie befürchten, die Siedler könnten die Häuser besetzen, sollten sie sie verlassen.
Neuer Bericht: Vertreibung einer Familie in Taiba
Einem Bericht der palästinensischen Nachrichtenagentur WAFA zufolge haben radikale Siedler zudem eine christliche palästinensische Familie aus ihrem Haus im Ort Taiba (Taybeh) bei Ramallah vertrieben. Die Familie habe das Haus sieben Jahre lang gebaut und umgerechnet knapp 300.000 Euro dafür ausgegeben, sei aber erst rund eine Woche zuvor eingezogen, bevor wiederholte Angriffe die Bewohner laut eigener Schilderung schließlich zum Verlassen des Hauses bewogen hätten. Laut dem Bericht sollen Siedler zuletzt auch Überwachungskameras am Haus gestohlen sowie Internetkabel und den Zaun des Grundstücks durchtrennt haben. Wie viele Bewohner konkret betroffen waren, blieb zunächst unklar.
Israels Armee erklärte auf Anfrage von ORF und Die Presse, sie gehe dem Bericht nach – eine eigenständige Bestätigung oder Zurückweisung des Vorfalls liegt bislang nicht vor. Damit stützt sich die Darstellung bisher ausschließlich auf die Schilderung der betroffenen Familie gegenüber WAFA.
Was die Quellen zeigen
Der Angriff auf das NBC-Team ist ungewöhnlich gut belegt, weil der betroffene Sender selbst aus erster Hand berichtete – ein seltener Fall, in dem die geschädigte Redaktion zugleich Berichterstatterin ist. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu reagierte öffentlich und bezeichnete die Tat als „kriminelle Gewalttat“ einer „Handvoll Randalierer“, wie unter anderem Al-Monitor berichtete. Für den Vorfall in Qusra liegt mit der Stellungnahme der israelischen Armee eine offizielle Bestätigung der handelnden Institution vor, die auch von The Times of Israel unabhängig bestätigt wurde.
Weniger gesichert sind Detailbehauptungen, die ausschließlich von palästinensischer Seite stammen: Die Nachrichtenagentur WAFA berichtete laut Der Standard und Die Presse zusätzlich von Pfeffersprayeinsatz gegen Palästinenser und von brennenden Feldern in palästinensischem Besitz. Der neue Bericht über die Vertreibung in Taiba folgt demselben Muster: Er stammt allein von WAFA und der Schilderung der betroffenen Familie; ORF und Die Presse geben ihn übereinstimmend wieder, eine dritte, unabhängige Quelle oder eine inhaltliche Bestätigung der israelischen Seite fehlt bislang – die Armee hat lediglich eine Prüfung zugesagt. Auch die Einschätzung, wonach die israelische Armee seit Wochen nicht wirksam gegen die Belagerung der Dörfer vorgehe, stützt sich auf Aussagen von Bewohnern und Aktivisten sowie auf NBC-Recherchen, nicht auf eine unabhängig geprüfte Zeitleiste.
Einordnung
Der Vorfall reiht sich in eine Serie ähnlicher Vorfälle im Westjordanland ein, über die „Neue Nachrichten“ bereits berichtet hat. So beraten EU-Außenminister seit Monaten über mögliche Sanktionen gegen die israelische Siedlungspolitik, wobei sich auch Österreich laut Berichten offen für Strafmaßnahmen zeigte – ein Beschluss steht bislang aus. Laut einem von Die Presse zitierten BBC-Bericht hat die israelische Regierung seit ihrem Amtsantritt Ende 2022 über 100 neue Siedlungen im Westjordanland genehmigt; nach Einschätzung des Internationalen Gerichtshofs gelten solche Siedlungen als völkerrechtswidrig und müssten geräumt werden. Der Bericht über die Vertreibung in Taiba fügt sich in dasselbe von Medien beschriebene Muster zunehmender Siedlergewalt gegen Palästinenser ein, ohne dass sich aus den vorliegenden Quellen bereits eine konkrete politische Reaktion darauf ablesen lässt.
Was unklar bleibt
Offen bleibt der Ausgang der von der israelischen Polizei angekündigten Ermittlungen gegen die Tatverdächtigen von Qusra. Ebenso unklar ist, ob sich der von palästinensischer Seite berichtete Pfeffersprayeinsatz und die Feldbrände unabhängig bestätigen lassen. Wie lange genau die von Anwohnern beschriebene Abriegelung der Dörfer bereits andauert und ob die israelische Armee künftig entschlossener eingreift, lässt sich aus den vorliegenden Quellen ebenfalls nicht abschließend beurteilen. Neu hinzugekommen ist die Frage, ob sich der WAFA-Bericht über die Vertreibung der Familie in Taiba durch die angekündigte Prüfung der israelischen Armee bestätigt und wie viele Personen tatsächlich betroffen waren. Auch eine offizielle Reaktion der US-Regierung auf den Angriff auf das eigene Presseteam liegt bislang nicht vor.