Laut dem am Dienstag präsentierten Nachhilfebarometer 2026 der Arbeiterkammer (AK) Wien erhalten 338.000 Kinder und Jugendliche in Österreich bezahlte Nachhilfe – 32 Prozent aller Schüler, nach 31 Prozent im Vorjahr. Grundlage ist eine IFES-Befragung von 3.208 Eltern mit 4.728 Schulkindern zwischen März und Mai 2026. Bereits 23 Prozent der Volksschulkinder bekommen Nachhilfe, die durchschnittlichen Kosten pro Kind sanken von 800 auf 720 Euro jährlich.
Laut AK dient Nachhilfe in 52 Prozent der Fälle einer besseren Note, in 28 Prozent der Vermeidung einer Nachprüfung, und in weiteren 28 Prozent gleichen Eltern damit nach eigener Einschätzung Defizite im Unterricht aus. AK-Expertin Elke Larcher sprach von „Teaching to the test“ und einem zunehmenden „Bulimie-Lernen“.
Die Sozialorganisation Volkshilfe kritisierte in einer Aussendung, private Nachhilfekosten benachteiligten armutsbetroffene Kinder, und forderte eine Kindergrundsicherung sowie eine „gemeinsame Schule ohne Rucksack“. Wie sich Bedarf und Kosten regional oder nach Einkommen unterscheiden und wie das Bildungsministerium reagiert, ist aus den vorliegenden Quellen nicht ersichtlich.
Was passiert ist
Die Arbeiterkammer (AK) Wien hat am Dienstag ihr Nachhilfebarometer 2026 präsentiert. Demnach erhalten 338.000 Kinder und Jugendliche in Österreich bezahlte Nachhilfe – das sind 32 Prozent aller Schülerinnen und Schüler, nach 31 Prozent im Vorjahr. Grundlage ist eine Befragung des Instituts IFES im Auftrag der AK Wien, für die von März bis Mai 2026 bundesweit 3.208 Eltern mit insgesamt 4.728 Schulkindern befragt wurden. Bereits in der Volksschule ist der Bedarf hoch: 23 Prozent der Volksschulkinder bekommen Nachhilfe. AK-Bildungsbereichsleiterin Ilkim Erdost sagte bei der Präsentation, Nachhilfe sei „in Österreich Normalität geworden“ und beginne immer früher.
Was die Zahlen zeigen
Die durchschnittlichen Ausgaben pro Kind sanken laut Barometer von 800 auf 720 Euro pro Jahr – laut AK vor allem, weil Nachhilfe seltener über das ganze Schuljahr hinweg, sondern gezielter vor Schularbeiten und Tests gebucht wird. Als Gründe für bezahlte Nachhilfe nennen Eltern in 52 Prozent der Fälle den Wunsch nach einer besseren Note, in 28 Prozent eine drohende Nachprüfung oder negative Zeugnisnote, und in ebenfalls 28 Prozent der Fälle führen sie den Bedarf nach eigener Einschätzung direkt auf Defizite im Unterricht zurück – etwa weil Stoff nicht ausreichend vermittelt wurde oder Stunden ausgefallen sind. AK-Bildungsexpertin Elke Larcher sprach in diesem Zusammenhang von „Teaching to the test“ und einem zunehmenden „Bulimie-Lernen“, bei dem Stoff kurzfristig für Prüfungen auswendig gelernt, aber nicht nachhaltig verstanden werde. Zusätzlich gaben laut Erhebung 76 Prozent der Eltern an, mit ihren Kindern zu lernen, ein Viertel davon fast täglich.
Reaktionen
Die Sozialorganisation Volkshilfe reagierte am selben Tag mit einer Presseaussendung auf das Barometer. Sie kritisiert, dass Nachhilfe auf eigene Kosten armutsbetroffene Kinder zurücklasse, weil nicht alle Eltern Zeit, Geld oder das nötige Wissen hätten, um selbst beim Lernen zu unterstützen oder bezahlte Nachhilfe zu finanzieren. Volkshilfe-Direktor Erich Fenninger erklärte laut Aussendung, der Schulerfolg eines Kindes dürfe nicht davon abhängen, wie viel die Eltern verdienen oder ob sie abends bei Mathematik und Deutsch helfen können, und forderte eine „gemeinsame Schule ohne Rucksack“, die unterschiedliche Voraussetzungen der Kinder ausgleicht. Als flankierende Maßnahme brachte er eine Kindergrundsicherung ins Spiel. Auch die AK Wien selbst übte scharfe Kritik: Erdost sagte, mit privater Nachhilfe würden nicht die Schwächen einzelner Kinder ausgeglichen, sondern Familien reparierten auf eigene Kosten Lücken, die aus ihrer Sicht im Schulsystem entstehen.
Was unklar bleibt
Aus den vorliegenden Quellen geht nicht hervor, wie sich Bedarf und Kosten regional oder nach Einkommen und Bildungsstand der Eltern unterscheiden. Eine Reaktion des Bildungsressorts auf das Barometer liegt bislang nicht vor. Auch dazu, wie wirksam bezahlte Nachhilfe tatsächlich ist, enthalten die ausgewerteten Berichte keine Angaben. Wie genau sich der Rückgang der Durchschnittskosten von 800 auf 720 Euro methodisch erklärt – etwa ob es sich um vergleichbare Stichproben handelt –, lässt sich anhand der Medienberichte nicht abschließend nachvollziehen.
Einordnung
Das Nachhilfebarometer erscheint jährlich und ist als Langzeitmessung angelegt, wodurch der leichte Anstieg des Anteils betroffener Kinder von 31 auf 32 Prozent sowie die zunehmende Verbreitung bereits in der Volksschule im Zeitverlauf sichtbar werden. Die Kritik von AK und Volkshilfe zielt in dieselbe Richtung: Beide Organisationen sehen strukturelle Defizite im öffentlichen Schulsystem als Treiber der privaten Zusatzkosten für Familien. Eine Einschätzung des Bildungsministeriums oder der Anbieter von Nachhilfe-Dienstleistungen liegt in den ausgewerteten Quellen nicht vor.

