Eine chinesische Langzeitstudie mit 33.995 Erwachsenen aus 326 ländlichen Dörfern zeigt: Wer über Jahre intensiv gegen Bluthochdruck behandelt wird, erkrankt seltener an Demenz. Vorgestellt wurden die Ergebnisse Ende August beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in München, im Rahmen des „Chinesischen Programms zur Bekämpfung von Hypertonie im ländlichen Raum“ (CRHCP) unter Leitung von Yingxian Sun.
Die intensiv betreute Gruppe senkte ihren systolischen Blutdruck laut Presse-Berichten um durchschnittlich 17,6 mmHg, die Kontrollgruppe nur um 2,4 mmHg. Nach sieben Jahren lag das Demenzrisiko in der Interventionsgruppe bei 8,85 Prozent gegenüber 10,55 Prozent in der Kontrollgruppe – ein um 15 Prozent geringeres Risiko. Auch kognitive Beeinträchtigungen ohne Demenz und schwerwiegende unerwünschte Ereignisse waren in der Interventionsgruppe seltener.
Eine begutachtete Fachpublikation liegt bislang nicht vor, präsentiert wurde nur die Kongressversion der Studie. Auch bleibt offen, wie gut sich die in ländlichen China-Dörfern erzielten Ergebnisse auf andere Gesundheitssysteme übertragen lassen. Unabhängige Expertinnen- und Expertenstimmen außerhalb des Studienteams fehlen in den ausgewerteten Quellen bislang.
Was passiert ist
Eine große chinesische Langzeitstudie hat untersucht, ob eine über Jahre konsequent durchgeführte Blutdrucksenkung das Risiko verringern kann, an Demenz zu erkranken. Die Ergebnisse wurden Ende August beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in München vorgestellt und dort in einer sogenannten Hot-Line-Session präsentiert, die für besonders bedeutsame neue Studien reserviert ist. Grundlage ist das „Chinesische Programm zur Bekämpfung von Hypertonie im ländlichen Raum“ (CRHCP), geleitet von Yingxian Sun vom Ersten Universitätsklinikum der China Medical University in Shenyang. Die ESC bestätigt die zentralen Eckdaten in einer eigenen Pressemitteilung, mehrere österreichische Medien wie Kleine Zeitung, Die Presse und Kurier berichteten übereinstimmend darüber.
Was die Studie zeigt
Für die Untersuchung wurden 33.995 Erwachsene aus 326 ländlichen Dörfern in China nach dem Zufallsprinzip zwei Gruppen zugeteilt. Das Durchschnittsalter lag bei 63 Jahren, 61 Prozent der Teilnehmenden waren Frauen. Eine Gruppe erhielt eine Standardversorgung gegen Bluthochdruck, die andere wurde von nicht-ärztlichem Gesundheitspersonal intensiv betreut mit dem Ziel, systolische Werte unter 130 mmHg und diastolische Werte unter 80 mmHg zu erreichen. Nach Angaben der Presse sank der systolische Blutdruck in der intensiv betreuten Gruppe im Schnitt um 17,6 mmHg, in der Vergleichsgruppe hingegen nur um 2,4 mmHg. Nach sieben Jahren – vier Jahre aktive Intervention, drei Jahre Beobachtung – lag das Demenzrisiko in der Interventionsgruppe bei 8,85 Prozent gegenüber 10,55 Prozent in der Kontrollgruppe, ein rechnerisch um 15 Prozent geringeres Risiko. Auch das Risiko für kognitive Beeinträchtigungen ohne Demenz war in der Interventionsgruppe um 13 Prozent niedriger. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten mit 47,15 Prozent in der Interventionsgruppe seltener auf als in der Kontrollgruppe mit 49,78 Prozent.
Was unklar bleibt
Nach vorliegender Quellenlage handelt es sich bislang um eine Kongresspräsentation im Rahmen einer ESC-Hot-Line-Session, nicht um eine bereits in einer Fachzeitschrift begutachtete Publikation. Ob und wann eine solche Veröffentlichung folgt, ist derzeit nicht bekannt. Offen ist auch, wie gut sich die Ergebnisse übertragen lassen: Die Studie fand in ländlichen chinesischen Dörfern statt, wo eigens geschultes, nicht-ärztliches Personal die intensive Betreuung übernahm – ein Versorgungsmodell, das sich von der Primärversorgung etwa in Österreich unterscheidet. Unabhängige Einschätzungen von Demenzforscherinnen und -forschern außerhalb des Studienteams liegen in den ausgewerteten Quellen nicht vor.
Einordnung
Bluthochdruck gilt als bekannter, beeinflussbarer Risikofaktor für Demenz, bislang gab es laut Studienleiter Sun aber nur wenige Langzeitstudien, die einen Effekt der Blutdrucksenkung auf Bevölkerungsebene belegen konnten. Die CRHCP-Studie reiht sich in frühere Auswertungen desselben Programms ein, die bereits gezeigt hatten, dass eine intensive Blutdruckbehandlung Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Sterblichkeit senkt. Vor dem Hintergrund weltweit wachsender Demenz-Fallzahlen wird eine strukturierte Blutdruckkontrolle in der Primärversorgung von den Studienautoren als möglicher Baustein der Demenzprävention auf Bevölkerungsebene beschrieben – eine Einschätzung, die vorerst aber vor allem von den Studienautoren selbst stammt.

