Daimler-Truck-Chefin Karin Rådström warnt laut Medienberichten von heise online und Kurier vor existenziellen Folgen der EU-CO₂-Regulierung für schwere Lastkraftwagen und fordert eine beschleunigte Überprüfung der Vorgaben. Beide Berichte scheinen auf dasselbe Interview zurückzugehen, weshalb von einer unabhängigen Bestätigung im strengen Sinn nicht die Rede sein kann.
Laut den Berichten müsste bis 2030 ein hoher Anteil neu zugelassener Lkw elektrisch oder mit Wasserstoff fahren, aktuell liege dieser Anteil bei rund zwei Prozent. Pro verfehltem CO₂-Prozentpunkt drohe Daimler Truck demnach eine Strafzahlung von rund 120 Millionen Euro, das Ebit der Sparte Mercedes-Benz Trucks sei 2025 gegenüber dem Vorjahr deutlich gesunken.
Offen bleibt, wie hoch die EU-Zielmarke für 2030 exakt ist – die Quellen nennen dazu unterschiedliche Werte –, ob die EU-Kommission eine Überprüfung einleitet und wie andere Hersteller, Umweltverbände oder Verkehrsforschung die Warnung beurteilen. Eine Primärquelle wurde für diesen Artikel nicht eingesehen.
Was passiert ist
Die Chefin von Daimler Truck, Karin Rådström, hat laut vorliegenden Medienberichten vor existenziellen Folgen der EU-CO₂-Regulierung für schwere Lastkraftwagen gewarnt. Die Branche sehe sich in ihrem Bestehen bedroht, heißt es in den Berichten, weshalb Rådström eine beschleunigte, vorgezogene Überprüfung der Vorgaben fordert. Sowohl heise online als auch der Kurier griffen die Aussagen auf, wobei beide Berichte offenbar auf dasselbe zugrunde liegende Gespräch mit der Managerin zurückgehen – unabhängig voneinander bestätigt wurde die Einschätzung damit nicht im strengen Sinn, auch wenn zwei Redaktionen sie aufgegriffen haben.
Was die Quellen zeigen
Nach den vorliegenden Angaben müsste ein erheblicher Anteil neu zugelassener Lkw bis zum Jahr 2030 elektrisch oder mit Wasserstoff angetrieben sein, um die EU-Zielvorgabe zu erreichen – aktuell liege der Anteil lokal emissionsfreier Fahrzeuge bei rund zwei Prozent. Berichten zufolge fällt für Daimler Truck pro verfehltem CO₂-Prozentpunkt eine Strafzahlung in der Größenordnung von rund 120 Millionen Euro an; eine Verfehlung um zehn Prozentpunkte hätte laut Rådström spürbare Folgen für die Profitabilität des Unternehmens. Als Beleg für den wirtschaftlichen Druck wird zudem angeführt, dass das Ebit der Sparte Mercedes-Benz Trucks von 922 Millionen Euro im Jahr 2024 auf 698 Millionen Euro im Jahr 2025 gesunken sei. Als Gründe werden unter anderem eine als unzureichend beschriebene Lade- und Wasserstoff-Tankstelleninfrastruktur sowie eine aus Sicht der Branche nicht abgestimmte, CO₂-basierte Lkw-Maut genannt.
Was unklar bleibt
Die genaue EU-Zielmarke für 2030 wird in den vorliegenden Berichten nicht einheitlich beziffert – die Angaben schwanken zwischen unterschiedlichen Prozentwerten, was auf unterschiedliche Rundungen, Bezugsgrößen oder Übertragungsfehler zurückgehen könnte und ohne Einsicht in den originalen EU-Verordnungstext nicht abschließend verifiziert werden kann. Ebenso offen ist, ob und wann die EU-Kommission die von der Branche geforderte vorgezogene, formale Überprüfung tatsächlich einleitet; eine eigene Stellungnahme der Kommission liegt im vorliegenden Material nicht vor. Auch die Position anderer europäischer Lkw-Hersteller wie Volvo, MAN, Scania oder Iveco sowie mögliche Einschätzungen von Umweltverbänden oder Verkehrsforscherinnen und -forschern zur Machbarkeit der Elektrifizierung fehlen bislang.
Einordnung
Die Warnung reiht sich in eine länger andauernde Debatte der europäischen Automobil- und Nutzfahrzeugindustrie über Tempo und Machbarkeit der EU-Klimaziele ein. Dass ein Unternehmen, das von den Vorgaben unmittelbar betroffen ist, eine Verschärfung oder zumindest eine schnellere Überprüfung der Regeln ablehnt, ist zunächst eine erwartbare Interessenposition und für sich genommen kein Beleg dafür, dass die Zielvorgaben tatsächlich untragbar sind oder verworfen werden. Ohne Gegenstimmen aus Politik, Wettbewerb oder Wissenschaft lässt sich derzeit nicht einordnen, wie repräsentativ diese Einschätzung für die gesamte Branche ist und wie belastbar die genannten Zahlen sind.

