Mehr als 60 bekannte Persönlichkeiten aus Kultur, Kirche und Gesellschaft – darunter Cornelius Obonya, Elfriede Jelinek, Michael Köhlmeier und Josef Hader – fordern in einem offenen Brief an Linz’ Bürgermeister Dietmar Prammer die Umbenennung der Dinghoferstraße. Initiiert wurde der Brief vom Mauthausen Komitee Österreich, der Katholischen Aktion Oberösterreich und dem OÖ. Netzwerk gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Franz Dinghofer, nach dem die Straße benannt ist, bezeichnete sich den Initiatoren zufolge selbst als „radikalen Antisemiten“, profitierte von einer „Arisierung“ und trat 1940 der NSDAP bei. Als neuer Namensgeber wird der heuer verstorbene Altbischof Maximilian Aichern vorgeschlagen, der als „Sozialbischof“ und Gegner des Faschismus gilt.
Prammer würdigt den Namensvorschlag, lehnt eine sofortige, isolierte Umbenennung aber ab. Er verweist auf eine 2022 abgeschlossene Überprüfung aller 1.158 Linzer Straßennamen durch eine Historikerkommission, bei der Dinghofer nur in die weniger schwer belastete Kategorie zwei fiel; bislang wurden erst vier Straßen der Kategorie eins umbenannt. Parallel dazu drängt laut einer Presseaussendung auch der grüne Rechtsextremismus-Sprecher Lukas Hammer auf ein rascheres Vorgehen.
Offen bleibt, ob und wann die Stadt tatsächlich entscheidet, wie die vollständige Unterzeichnerliste aussieht und wie Diözese und Angehörige Aicherns auf den Vorschlag reagieren.
Was passiert ist
Mehr als 60 bekannte Persönlichkeiten aus Kultur, Kirche und Gesellschaft haben einen offenen Brief an den Linzer Bürgermeister Dietmar Prammer (SPÖ) gerichtet. Zu den Unterzeichnern zählen laut Kurier und ORF unter anderem Schauspieler Cornelius Obonya, Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die Schriftsteller Michael Köhlmeier und Ludwig Laher, Kabarettist Josef Hader, Karikaturist Gerhard Haderer sowie Schauspielerin Chris Lohner. Initiiert wurde der Brief gemeinsam vom Mauthausen Komitee Österreich, der Katholischen Aktion Oberösterreich und dem OÖ. Netzwerk gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Die zentrale Forderung: Die Dinghoferstraße im Linzer Stadtzentrum soll künftig Aichernstraße heißen, benannt nach dem im laufenden Jahr im Alter von 93 Jahren verstorbenen Linzer Altbischof Maximilian Aichern.
Wer die Straße derzeit trägt – und wer sie tragen soll
Franz Dinghofer (1873–1956) war von 1907 bis 1918 Linzer Bürgermeister und bekleidete später hohe Ämter der Ersten Republik: Justizminister, Vizekanzler, Dritter Nationalratspräsident und von 1928 bis 1938 Präsident des Obersten Gerichtshofs. Nach den Angaben der Brief-Initiatoren bezeichnete er sich selbst als „radikalen Antisemiten“, beteiligte sich zu seinem persönlichen Vorteil an einer „Arisierung“ – also der Aneignung jüdischen Vermögens – und trat 1940 der NSDAP bei. In der FPÖ gilt er bis heute als Referenzfigur; eine Akademie ist nach ihm benannt, regelmäßig findet ein Dinghofer-Symposium statt. Als Alternative schlagen die Initiatoren Maximilian Aichern vor, der die Diözese Linz von 1982 bis 2005 leitete. Sie beschreiben ihn als „Sozialbischof“, der die Bischöfliche Arbeitslosenstiftung sowie gemeinsam mit den Gewerkschaften die „Allianz für den arbeitsfreien Sonntag“ mitbegründete, als überzeugten Gegner des Faschismus und als einen der Wegbereiter der Seligsprechung des NS-Verweigerers Franz Jägerstätter.
Reaktion des Bürgermeisters
Bürgermeister Prammer würdigte den Vorschlag, eine Straße nach Aichern zu benennen, laut ORF „ausdrücklich“ – das Linzer Stadtarchiv habe ihn bereits als möglichen künftigen Namensgeber vorgemerkt. Eine sofortige, isolierte Umbenennung der Dinghoferstraße lehnt er jedoch ab. Er verwies auf eine 2022 abgeschlossene Untersuchung, bei der eine Historikerkommission sämtliche 1.158 Linzer Straßen und öffentlichen Plätze auf belastete Namensgeber hin durchleuchtet hatte. Dinghofer wurde dabei in die weniger schwerwiegende Kategorie zwei eingestuft; bislang wurden nur vier Straßen der schwerer belasteten Kategorie eins umbenannt. Eine „isolierte Umbenennung der Dinghoferstraße ohne neue historische Erkenntnisse“ würde laut Prammer die Systematik und das Gesamtergebnis der Untersuchung infrage stellen. Sollten neue Informationen bekannt werden, die das historische Bild Dinghofers „wesentlich verändern“, sei aber eine neuerliche fachliche Beurteilung möglich.
Politische Dynamik
Die Debatte um die Dinghoferstraße ist nicht neu: Bereits 2019 hatten die Linzer Grünen eine Umbenennung gefordert, das aktuelle Anliegen reiht sich also in eine länger laufende Auseinandersetzung um Straßennamen mit NS-Bezug ein. Parallel zum offenen Brief meldete sich laut einer Presseaussendung auch der grüne Rechtsextremismus-Sprecher Lukas Hammer zu Wort und drängte auf eine rasche Umbenennung; er kritisierte demnach eine mögliche jahrelange Verzögerung durch die Stadt. Da diese Presseaussendung nicht im Volltext vorliegt, handelt es sich dabei um eine einzelne Parteistimme, die die Position der Initiative politisch flankiert, aber keine zusätzliche unabhängige Bestätigung der Kernfakten liefert.
Was unklar bleibt
Offen ist, ob und wann die Stadt Linz tatsächlich eine Entscheidung trifft – Prammers Position deutet eher auf eine langfristige, an die Gesamtsystematik gebundene Prüfung hin als auf eine kurzfristige Umbenennung. Auch die vollständige Liste der mehr als 60 Unterzeichner ist aus den vorliegenden Quellen nicht bekannt, ebenso wenig eine Reaktion der Diözese Linz oder von Angehörigen Aicherns auf den Namensvorschlag. Unklar bleibt zudem, welches Schicksal die übrigen als belastet eingestuften Straßennamen der Kategorie zwei aus der Untersuchung von 2022 nehmen.

