Der Sondergerichtshof für Kosovo in Den Haag hat den früheren kosovarischen Präsidenten Hashim Thaçi am 16. September 2026 zu 25 Jahren Haft verurteilt. Laut der Pressemitteilung des Gerichts wurden auch drei weitere frühere UÇK-Anführer verurteilt: Jakup Krasniqi zu 25 Jahren, Kadri Veseli zu 18 Jahren und Rexhep Selimi zu 13 Jahren Haft. Das Gericht erklärte alle vier für die Ermordung von 96 Menschen, die willkürliche Internierung von 385 Personen und die Folterung von 303 Zivilisten während des Kosovokriegs Ende der 1990er-Jahre verantwortlich, sprach sie jedoch vom schwereren Vorwurf der Verbrechen gegen die Menschlichkeit frei.
Das Urteil ist nicht rechtskräftig, alle vier Verurteilten können vor einem eigenen Berufungsgremium Rechtsmittel einlegen. Im Kosovo, wo Thaçi vielen als Held des Unabhängigkeitskampfes gilt, lösten die Haftstrafen heftige Proteste aus: In Prishtina verfolgten Tausende die Urteilsverkündung auf Großbildschirmen, es gab Sprechchöre für Thaçi, auch vor dem Gerichtsgebäude in Den Haag versammelten sich Unterstützer.
Offen bleibt, ob und wann Berufung eingelegt wird, wie sich die kosovarische Regierung offiziell positioniert und wie Serbien auf das Urteil reagiert. Auch mögliche Auswirkungen auf die EU-vermittelten Kosovo-Serbien-Verhandlungen sind aus den vorliegenden Quellen bislang nicht ersichtlich.
Was passiert ist
Der Sondergerichtshof für Kosovo (Kosovo Specialist Chambers) in Den Haag hat den früheren kosovarischen Präsidenten Hashim Thaçi am 16. September 2026 zu 25 Jahren Haft verurteilt. Thaçi, der zwischen 2008 und 2020 nacheinander Ministerpräsident, Außenminister und Präsident des Kosovo war, hatte sein Amt niedergelegt, um sich dem Verfahren zu stellen, und sitzt bereits seit über sechs Jahren in Untersuchungshaft in Den Haag. Er verfolgte die Urteilsverkündung nach Medienberichten regungslos und schweigend.
Zusammen mit ihm wurden drei weitere frühere Anführer der kosovo-albanischen Untergrundarmee UÇK verurteilt: der frühere UÇK-Sprecher Jakup Krasniqi ebenfalls zu 25 Jahren, der frühere UÇK-Sicherheitschef Kadri Veseli zu 18 Jahren und der frühere UÇK-Kommandant Rexhep Selimi zu 13 Jahren Haft. Alle vier sitzen die Strafe unter Anrechnung der bereits verbüßten Untersuchungshaft ab. Das Gericht bestätigte diese Entscheidung in einer eigenen Pressemitteilung.
Was das Gericht feststellte
Laut der Pressemitteilung des Sondergerichtshofs erklärte das Gericht alle vier Angeklagten für strafrechtlich verantwortlich für die Ermordung von 96 Menschen, die willkürliche Internierung von 385 Personen, die Folterung von 303 Zivilisten sowie grausame Behandlung in 49 weiteren Fällen. Die Taten wurden während des Kosovokriegs Ende der 1990er-Jahre begangen, als sich die UÇK gegen die serbische Herrschaft über die mehrheitlich von Albanern bewohnte Provinz auflehnte. Nach Presseberichten sollen die Verbrechen in einer größeren Zahl von Internierungslagern im Kosovo und in Nordalbanien verübt worden sein; diese genaue Zahl geht bislang nur aus einem Korrespondentenbericht hervor und ist nicht durch die offizielle Gerichtsmitteilung selbst belegt.
Vom schwereren Vorwurf der Verbrechen gegen die Menschlichkeit sprach das Gericht alle vier Angeklagten hingegen frei. Es sah es als nicht hinreichend bewiesen an, dass ein systematischer oder weitverbreiteter Angriff gegen die Zivilbevölkerung vorlag – die Anklage hatte für jeden der Angeklagten 45 Jahre Haft gefordert. Nach Angaben des Gerichtsvorsitzenden habe sich das Verfahren ausschließlich mit der individuellen strafrechtlichen Verantwortung der Angeklagten befasst, nicht mit der Legitimität des Unabhängigkeitskampfes der UÇK insgesamt.
Reaktionen im Kosovo
Das Urteil hat in weiten Teilen der kosovarischen Öffentlichkeit Empörung ausgelöst. In Prishtina verfolgten laut Medienberichten Tausende Menschen die Urteilsverkündung auf Großbildschirmen vor dem Parlament, es gab Buhrufe und Sprechchöre für Thaçi, viele der anwesenden UÇK-Sympathisanten und Kriegsveteranen zeigten sich unter Tränen. Auch vor dem Gerichtsgebäude in Den Haag versammelten sich Unterstützer mit UÇK-Flaggen. Für zahlreiche Kosovaren gilt Thaçi als Held des Unabhängigkeitskampfes, während das Sondergericht im Land selbst auf breite Ablehnung stößt. Eine ausführliche offizielle Reaktion der kosovarischen Regierung liegt in den gesichteten Quellen bislang nicht vor.
Was unklar bleibt
Offen ist, ob und wann die Verteidigung der vier Verurteilten Berufung einlegt; laut Gerichtsmitteilung steht ihnen dieses Recht ausdrücklich zu, das Urteil ist damit nicht endgültig. Ebenso fehlen in den vorliegenden Quellen eine ausführliche offizielle Stellungnahme der kosovarischen Regierung sowie jede Reaktion Serbiens oder serbischer Opfergruppen. Unklar bleibt zudem, wie sich das Urteil auf die von der EU vermittelten Verhandlungen zwischen Kosovo und Serbien auswirken könnte.
Einordnung
Der Sondergerichtshof für Kosovo wurde eigens eingerichtet, um mutmaßliche Kriegsverbrechen der UÇK während und nach dem Kosovokrieg 1998/99 aufzuarbeiten – jene Vorwürfe, mit denen sich zuvor bereits internationale Ermittlungen befasst hatten. Kriegsverbrechen auf serbischer Seite waren hingegen Gegenstand des UNO-Tribunals für das ehemalige Jugoslawien (ICTY); wie berichtet, ist mit dem kürzlichen Tod des dort verurteilten Ratko Mladić eines der bekanntesten Verfahren dieses Tribunals endgültig abgeschlossen. Das aktuelle Urteil gegen Thaçi und seine Mitangeklagten reiht sich damit in eine Reihe international geführter Verfahren zur juristischen Aufarbeitung der Jugoslawien-Kriege ein, deren gesellschaftliche Bewertung auf dem Balkan bis heute stark auseinandergeht.

