Der israelische Kulturminister Miki Zohar will den Regisseuren der Gaza-Dokumentation „Naza“, Rachel Szor und Yuval Abraham, die Staatsbürgerschaft entziehen. Er wirft ihnen „Verrat am Staat“ vor, weil sie bereit gewesen seien, „ihrem Heimatland zu schaden, um Beifall von Antisemiten“ zu erhalten. Auch Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir attackierte die Filmemacher scharf. Anlass ist der Spezialpreis der Jury, den „Naza“ beim Filmfestival von Venedig erhielt.
Der in Zusammenarbeit mit The Guardian entstandene Film zeigt anonymisierte Aussagen israelischer Geheimdienstler und Militärs zur systematischen Tötung palästinensischer Zivilisten in Gaza. Die israelische Armee weist die Vorwürfe zurück, die Whistleblower seien nicht verifizierbar. Ein Entzug der Staatsbürgerschaft ist in Israel zwar rechtlich möglich, aber selten angewendet und an ein mehrstufiges Verfahren mit Innenminister, Justizminister und Gericht gebunden – Zohars Ankündigung ist bislang eine politische Absicht, kein vollzogener Schritt.
Wie die Filmemacher selbst reagieren und ob sich Venedig oder The Guardian äußern, ist aus den vorliegenden Quellen nicht ersichtlich. Der Film soll ab 1. Oktober auch in österreichischen Kinos laufen.
Was passiert ist
Der israelische Kulturminister Miki Zohar hat angekündigt, den beiden Regisseuren der Gaza-Dokumentation „Naza“, Rachel Szor und Yuval Abraham, die israelische Staatsbürgerschaft entziehen zu wollen. Zohar warf den Filmemachern am Sonntag auf der Plattform X „Verrat am Staat“ vor und erklärte, sie seien bereit gewesen, „ihrem Heimatland zu schaden, um Beifall von Antisemiten auf der ganzen Welt zu erhalten“. Er kündigte an, „unverzüglich Maßnahmen“ einzuleiten, um ihnen die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Auch der rechtsextreme Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir griff die beiden auf X scharf an und bezeichnete sie als „Schande und Blamage für das gesamte israelische Volk“. Anlass der Attacken ist die Auszeichnung von „Naza“ mit dem Spezialpreis der Jury beim Filmfestival von Venedig am Samstag zuvor.
Der Film und seine Vorwürfe
„Naza“ entstand in Zusammenarbeit mit der britischen Tageszeitung The Guardian und zeigt laut übereinstimmenden Medienberichten anonymisierte Interviews mit (Ex-)Geheimdienstoffizieren und Insidern israelischer, KI-gestützter Erfassungssysteme. Die Gesprächspartner, deren Gesicht und Stimme verfremdet wurden, schildern darin die systematische Tötung palästinensischer Zivilisten im Gazastreifen – im israelischen Militärjargon als „Naza“, also Kollateralschaden, bezeichnet. Regisseur Yuval Abraham war bereits Teil des vierköpfigen, mit einem Oscar ausgezeichneten Teams hinter „No Other Land“ (2025); Co-Regisseurin Rachel Szor führte gemeinsam mit ihm die Gespräche für den neuen Film. Die israelische Armee wies die im Film erhobenen Vorwürfe zur mit KI-Unterstützung durchgeführten Tötung mutmaßlicher Hamas-Anhänger zurück und erklärte, der Film stütze sich auf Whistleblower, deren Identität „nicht verifiziert“ werden könne.
Rechtlicher Rahmen
Ein Entzug der Staatsbürgerschaft ist in Israel rechtlich möglich, wird aber nur selten angewendet. Der Oberste Gerichtshof bestätigte 2022, dass ein solcher Schritt zulässig ist, wenn Betroffene durch Spionage oder Verrat ihre Loyalität gegenüber dem Staat gebrochen haben; 2023 wurde das entsprechende Gesetz auf Terror-Delikte ausgeweitet. Formal muss ein Ausbürgerungsverfahren vom Innenminister beantragt, vom Justizminister genehmigt und schließlich von einem Gericht bestätigt werden. Zohars Ankündigung ist damit bislang eine politische Absichtserklärung und kein abgeschlossener Rechtsakt.
Was unklar bleibt
Aus den vorliegenden Quellen geht nicht hervor, wie Szor und Abraham selbst auf die Angriffe reagiert haben. Auch eine Stellungnahme der Filmfestspiele von Venedig oder von The Guardian als Ko-Produktionspartner liegt bislang nicht vor. Unklar ist zudem, ob und wie österreichische Kulturveranstalter oder Kinos auf den für 1. Oktober angekündigten heimischen Kinostart reagieren, und ob das angekündigte Ausbürgerungsverfahren tatsächlich formal eingeleitet wird.
Einordnung
Der Vorgang reiht sich in eine Serie von Spannungen zwischen israelischer Regierung und internationalen Kulturschaffenden ein, die sich kritisch mit dem Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen auseinandersetzen – bereits das Vorgängerprojekt „No Other Land“ hatte nach seiner Oscar-Auszeichnung 2025 für Kontroversen gesorgt. Wie berichtet, hatte „Naza“ bei der Premiere in Venedig stehende Ovationen ausgelöst und wurde in derselben Festivalausgabe prämiert, die parallel wegen des geringen Anteils weiblicher Regisseurinnen im Wettbewerb in der Kritik stand. Die von den Whistleblowern im Film erhobenen Vorwürfe zu gezielten Tötungen von Zivilisten stehen im Kontext eines Gazakriegs, in dem nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums bislang mehr als 73.000 Menschen getötet wurden – Zahlen, die unabhängig nicht überprüfbar sind.

