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Ein Forschungsteam der Universität Lausanne hat ein KI-Modell entwickelt, das aus einem einzigen Foto des Augenhintergrunds das biologische Alter einer Person schätzt. Die Ende August 2026 in Nature Communications veröffentlichte Studie entstand mit dem Augenspital Jules-Gonin in Lausanne und dem Erasmus MC Rotterdam. Grundlage ist das KI-System RETFound, trainiert mit Netzhautbildern von mehr als 70.000 Teilnehmenden der UK-Biobank-Studie im Alter von 40 bis 79 Jahren; die Schätzung weicht im Schnitt um weniger als drei Jahre vom tatsächlichen Alter ab.

Fällt das geschätzte Netzhautalter deutlich höher aus als das reale Alter, ist das laut Studie mit erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, Krebs sowie Demenz verbunden. Die Zusammenhänge unterscheiden sich zwischen Männern und Frauen und verschieben sich bei Frauen rund um die Menopause. In Österreich griffen Kleine Zeitung und Kurier die Meldung auf, ohne über die Studie hinausgehende eigene Informationen zu liefern.

Offen bleibt, ob und wann das Verfahren über die Forschung hinaus klinisch eingesetzt werden könnte und wie zuverlässig es bei Bevölkerungsgruppen außerhalb der untersuchten Kohorte arbeitet. Es handelt sich um eine Grundlagenstudie mit statistischen Zusammenhängen auf Bevölkerungsebene, nicht um ein zugelassenes Diagnoseinstrument für Einzelpersonen.

Was passiert ist

Ein Forschungsteam der Universität Lausanne hat ein KI-Modell entwickelt, das aus einem einzigen Foto des Augenhintergrunds das biologische Alter einer Person schätzt. Die Arbeit ist Ende August 2026 in der Fachzeitschrift Nature Communications erschienen und entstand in Zusammenarbeit mit dem Augenspital Jules-Gonin in Lausanne sowie dem Erasmus MC in Rotterdam. Die Universität hat die Ergebnisse in einer eigenen Pressemitteilung öffentlich gemacht.

Was die Studie zeigt

Grundlage des Modells ist RETFound, ein bestehendes KI-System zur Analyse von Netzhautbildern, das die Lausanner Gruppe um die Postdoktorandin Olga Trofimova und Professor Sven Bergmann weiterentwickelt hat. Trainiert wurde es mit Netzhautaufnahmen von mehr als 70.000 Teilnehmenden der britischen UK-Biobank-Studie im Alter von 40 bis 79 Jahren. Im Ergebnis weicht das geschätzte Netzhautalter im Schnitt um weniger als drei Jahre vom tatsächlichen Alter ab. Fällt die Schätzung deutlich höher aus als das reale Alter, ist das laut Studie mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, Krebs sowie Demenz verbunden. Die Auswertung zeigt außerdem geschlechtsspezifische Unterschiede: Vor den Wechseljahren wirken die Netzhäute von Frauen im Schnitt jünger als jene gleichaltriger Männer, nach der Menopause kehrt sich dieses Muster um. Bei Männern hängt ein höheres Netzhautalter stärker mit Merkmalen des metabolischen Syndroms zusammen, bei Frauen stärker mit Gefäßfaktoren wie einem erhöhten Thromboserisiko.

Wie die Meldung aufgegriffen wurde

In Österreich griffen unter anderem Kleine Zeitung und Kurier die Studie unter dem Stichwort auf, dass KI das biologische Alter beziehungsweise Krankheitsrisiken am Auge ablesen könne. Beide Medien beziehen sich dabei erkennbar auf dieselbe Grundmeldung zur Universität Lausanne und liefern keine über die Studie und deren Pressemitteilung hinausgehenden eigenständigen Informationen. Auch eine Kolumne des STANDARD erwähnte die Forschung im Rahmen einer wöchentlichen Sammlung positiver Nachrichten, ohne inhaltlich auf die Studie einzugehen.

Was unklar bleibt

Aus den vorliegenden Quellen geht nicht hervor, ob und in welchem Zeitrahmen das Verfahren über die Forschung hinaus für den klinischen Alltag vorgesehen ist. Ebenso wenig lässt sich beurteilen, wie zuverlässig das Modell bei Bevölkerungsgruppen arbeitet, die von der UK-Biobank-Kohorte abweichen, etwa bei jüngeren Menschen oder außereuropäischen Populationen. Direkte Einordnungen der Forschenden zu Grenzen der Methode oder Reaktionen anderer Fachleute aus der Alternsforschung liegen bislang nicht vor.

Einordnung

Die Studie reiht sich in eine wachsende Zahl von Arbeiten ein, die mittels KI aus einzelnen Körpermerkmalen – etwa Blutwerten, Herzultraschall oder eben der Netzhaut – auf das biologische statt nur das kalendarische Alter schließen wollen. Solche „Altersuhren“ gelten in der Forschung als potenzielles Frühwarnsystem für Krankheitsrisiken, sind aber von einem zugelassenen medizinischen Diagnoseinstrument zu unterscheiden. Die vorliegende Arbeit ist eine Grundlagenstudie mit statistischen Zusammenhängen auf Bevölkerungsebene; sie erlaubt keine Aussage darüber, welches Risiko für eine einzelne untersuchte Person konkret gilt.