Meta hat mit Muse einen KI-Agenten vorgestellt, der laut Marktbeobachtungsfirmen bis 25. September zwischen 2,3 und 4,3 Millionen Downloads erreichte, seit 18. bzw. 19. September die Spitzenplätze im US-App-Store und Google Play Store hält und dessen tägliche Nutzerzahl nach der Meta-Connect-Keynote laut einer Schätzung um 27 Prozent stieg. Offizielle Nutzerzahlen von Meta selbst gibt es weiterhin nicht. Bei Meta Connect 2026 kündigte Meta zusätzliche Funktionen an: Videochat mit einem individuell gestaltbaren Avatar, Computersteuerung auf dem Mac, eine eigene E-Mail-Adresse des Agenten sowie Pläne, Muse in kommenden Monaten in seine Smart Glasses zu integrieren.
Parallel dazu hat sich die zunächst als Datenleck kritisierte volle Einsicht in Muses Betriebsumgebung zu einer offen beworbenen Funktion gewandelt: Verweigerte der Agent noch am 24. September eine vollständige Kopie seines Root-Verzeichnisses unter Verweis auf Sicherheitsbedenken, bot er sie einen Tag später anstandslos an. Zwei Mitarbeiter von Metas Superintelligence Labs, Nat Friedman und David Singleton, bezeichneten dies auf X ausdrücklich als bewusste Architekturentscheidung – die virtuelle Maschine sei ein echter eigener Computer in der Cloud. Warum Muse die Freigabe zunächst verweigert hatte, blieb unbeantwortet. Bereits zuvor hatte ein Entwickler auf diesem Weg 6,8 GByte an Systemdateien extrahiert, was Meta ebenfalls als beabsichtigt einstufte.
Weiterhin ungeklärt ist der Streit mit Amazon, das Muse laut Bloomberg den Zugriff auf seinen Onlineshop verweigert, sowie die Frage, ob Nat Friedmans eingeräumte OpenClaw-Inspiration – identische Dateinamen und ähnliche Formulierungen im Persönlichkeitsdokument des Agenten eingeschlossen – rechtliche Konsequenzen nach sich zieht. Auch Preis und Verfügbarkeit des bei Meta Connect vorgestellten Wearables Muse Charm außerhalb der USA stehen ebenso aus wie eine unabhängige Sicherheitsbewertung der nun bestätigten vollen Dateisystem-Freigabe.
Was passiert ist
Meta hat mit Muse einen KI-Agenten für Konsumentinnen und Konsumenten lanciert, dessen Wachstum sich seit dem Start am 8. September beschleunigt hat. Laut Schätzungen mehrerer Marktbeobachtungsfirmen erreichte die App bis 25. September zwischen 2,3 und 4,3 Millionen Downloads – Sensor Tower nennt 3,4 Millionen, Apptopia 4,3 Millionen, Appfigures rund 2,3 Millionen. Seit 18. September führt Muse laut diesen Daten den US-App-Store an, seit 19. September zusätzlich den Google Play Store, und hält beide Spitzenplätze seither. Nach der Meta-Connect-Keynote in dieser Woche soll die Zahl der täglich aktiven Nutzerinnen und Nutzer laut Sensor Tower um weitere 27 Prozent gestiegen sein. Offizielle, von Meta selbst veröffentlichte Nutzerzahlen liegen weiterhin nicht vor.
Die OpenClaw-Frage
Parallel zum Erfolg von Muse halten sich weiterhin Vorwürfe, das Produkt sei im Kern eine Kopie des Open-Source-Projekts OpenClaw – einer rund zehn Monate zuvor veröffentlichten Software, die von einer einzelnen Entwicklerperson gebaut wurde und Nutzerinnen und Nutzer über Messaging-Dienste wie WhatsApp, Telegram oder Slack mit einem KI-Agenten kommunizieren ließ. Kritikerinnen und Kritiker verwiesen unter anderem darauf, dass zentrale Dateien in Muse dieselben Namen tragen wie bei OpenClaw, etwa “SOUL.md”, und dass das Dokument, das Persönlichkeit und Tonfall des Agenten festlegt, in Teilen sehr ähnlich formuliert ist. Nat Friedman, bei Metas Superintelligence Labs für das Produkt zuständig, bestätigte auf X, dass Muse zwar komplett neu programmiert worden sei, aber “eindeutig stark als Produkt” von OpenClaw inspiriert sei.
Dateisystem-Zugriff: vom Sicherheitsvorfall zur bestätigten Funktion
Rund zwei Wochen nach dem Start hatte ein Softwareentwickler in einem eigenen technischen Bericht beschrieben, wie er Muse mit vergleichsweise geringem Aufwand dazu brachte, seine gesamte Betriebsumgebung zu archivieren und zum Download bereitzustellen – rund 6,8 GByte an Daten, darunter Ubuntu-Systemdateien, interne Dokumentation und Konfigurationsskripte. Meta bezeichnete dies damals bereits als beabsichtigtes Verhalten und verwies auf isolierte virtuelle Maschinen pro Nutzer. Am 24. September verweigerte Muse gegenüber The Verge allerdings noch eine vollständige Kopie des Root-Verzeichnisses unter Verweis auf Sicherheitsbedenken. Nur einen Tag später, am 25. September, bot der Agent denselben Export anstandslos an: Auf Anfrage zippt Muse nun sein komplettes, um Geheimnisse bereinigtes Dateisystem inklusive Root-Zugriff und stellt es über einen klickbaren Dateibrowser zur Verfügung. Meta-Sprecher Daniel Roberts erklärte gegenüber The Verge, man nehme weiterhin laufend Anpassungen am Produkt vor, weshalb Nutzerinnen und Nutzer unterschiedliche Informationsmengen zu ihrer virtuellen Maschine sehen könnten. David Singleton von Metas Superintelligence Labs führte auf X aus, dies sei “eine sehr bewusste Entscheidung” gewesen: Die “Muse Secure VM” sei tatsächlich ein eigener Computer in der Cloud, auf dem Software installiert, Code geschrieben und kompiliert sowie im Web gesurft werden könne. Warum Muse die Anfrage einen Tag zuvor noch unter Sicherheitsverweis abgelehnt hatte, wenn die volle Freigabe stets beabsichtigt gewesen sein soll, ließ Meta gegenüber der Quelle unbeantwortet.
Amazon sperrt Muse aus seinem Onlineshop
Zu den Sicherheitsfragen kommt weiterhin ein Streit um den Zugriff auf fremde Plattformen hinzu: Wie zuerst Bloomberg berichtete, blockiert Amazon den Zugriff von Muse auf seinen Onlineshop, nachdem Meta einer Aufforderung zur Entfernung des Agenten nicht nachgekommen sein soll. Amazon begründet den Schritt laut Bloomberg damit, dass Meta die geplante Shopping-Nutzung durch Muse nicht angekündigt habe, der Agent sich beim Browsen nicht als solcher zu erkennen gebe und dabei möglicherweise Kundendaten erfasse und speichere. Eine eigene Stellungnahme Metas zu diesem konkreten Vorwurf liegt weiterhin nicht vor.
Meta Connect: Neue Funktionen und Werbeoffensive
Beim Entwicklerevent Meta Connect 2026 kündigte Meta laut eigener offizieller Zusammenfassung eine Reihe neuer Muse-Funktionen an: Videochat mit einem individuell gestaltbaren Avatar über ein neues “Realtime Avatar”-Modell, Computersteuerung auf dem Mac (Muse kann mit Erlaubnis der Nutzerin oder des Nutzers eigenständig Apps bedienen), eine eigene E-Mail-Adresse des Agenten sowie weitere Partner und Connectoren. Zusätzlich plant Meta, Muse in den kommenden Monaten in seine Smart Glasses zu integrieren, aktivierbar per Sprachbefehl und mit Zugriff auf das, was die Trägerin oder der Träger gerade sieht. Laut Sensor-Tower-Werbedaten, wiedergegeben von TechCrunch, bewirbt Meta die App bereits seit dem 9. September über Eigenwerbung auf Facebook, Instagram und WhatsApp sowie mittlerweile auch über Werbenetzwerke auf Reddit, TikTok und YouTube – ein ähnliches Muster wie zuvor bei der Bewerbung von Threads über die eigenen Plattformen.
Ein Wearable im Zeichen von Bag Charms und Retro-Tech
Optisch erinnert der Muse Charm an ein Tamagotchi, das digitale Spielzeugtier aus den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren. Laut einer Einordnung von TechCrunch trifft die Form aber auch einen aktuelleren Trend: Junge Nutzerinnen und Nutzer der Generation Z hängen bereits seit einiger Zeit dekorative Anhänger an Taschen und Schlüsselbunde, von Lippenpflege-Etuis bis zum inzwischen abgeflauten Labubu-Boom. Auch das Umfunktionieren älterer Apple Watches zu Anhängern über Ketten oder Clips gehört laut diesem Bericht zu diesem Umfeld. Muse selbst lässt sich zudem als individuell gestaltbarer Avatar personalisieren, was die Parallele zum Wunsch nach persönlichem Ausdruck über Gadgets zusätzlich unterstreicht.
Was unklar bleibt
Offiziell bestätigte Nutzerzahlen von Meta selbst liegen weiterhin nicht vor – die kursierenden Schätzungen zwischen 2,3 und 4,3 Millionen Downloads sowie zu täglich aktiven Nutzerinnen und Nutzern stammen ausschließlich von Marktanalysefirmen mit teils stark abweichenden Methoden. Eine unabhängige, von Meta unabhängige Sicherheitsbewertung der nun bestätigten vollen Dateisystem-Freigabe steht ebenso aus wie eine Erklärung, warum Muse die Freigabe zunächst verweigerte. Wie sich der Streit zwischen Amazon und Meta um den Shop-Zugriff weiterentwickelt und ob Meta dazu offiziell Stellung nimmt, ist offen. Auch Preis und genaue Verfügbarkeit des Muse Charm außerhalb der USA sowie der konkrete Zeitpunkt der angekündigten Smart-Glasses-Integration stehen noch nicht fest. Und zur ebenfalls in diesem Zusammenhang genannten Plattform Instinct, deren Gründerin oder Gründer angeblich bei einer Bewertung von 2,5 Milliarden US-Dollar Kapital einsammelt, liegt bislang nur eine einzelne Quelle vor.
Einordnung
Der Fall zeigt, wie stark ein einzelnes Open-Source-Projekt binnen weniger Monate eine ganze Produktkategorie geprägt haben dürfte – und wie sehr Meta inzwischen darauf setzt, anfängliche Kontroversen in Verkaufsargumente umzudeuten. Die Wendung von der als Sicherheitsproblem wahrgenommenen Dateisystem-Freigabe hin zur offen beworbenen “eigener Computer in der Cloud”-Erzählung ist bemerkenswert, weil sie ausschließlich auf Metas eigener nachträglicher Einordnung beruht und bislang nicht unabhängig sicherheitstechnisch bewertet wurde. Gleichzeitig zeigen die rasante Downloadkurve, die App-Store-Spitzenplätze und die parallel gestartete Werbeoffensive über Metas eigene Plattformen sowie externe Netzwerke, dass Muse trotz OpenClaw-Debatte, Datenleck und Amazon-Sperre kommerziell an Fahrt gewinnt. Ob sich der neue Hardware-Anhänger Muse Charm und die für die kommenden Monate angekündigte Smart-Glasses-Integration am Markt durchsetzen, bleibt unterdessen offen: Frühere KI-Gadgets wie AI Pin, Rabbit oder Friend-Pendant erreichten trotz Aufmerksamkeit keinen dauerhaften kommerziellen Erfolg, wie Medienberichte zum Muse Charm anmerken.


