Die Wiener ÖVP hat der SPÖ-Neos-Stadtregierung am 4. September 2026 per Aussendung vorgeworfen, Gastpatienten als Sündenbock für ein hausgemachtes Kostenproblem der Wiener Spitäler zu nutzen. Grundlage ist eine von der Partei beim Gesundheitsökonomen Ernest Pichlbauer beauftragte Auswertung von Spitalsdaten der Jahre 2014 bis 2024, wonach die Zahl der Gastpatienten stabil geblieben ist, die Kosten pro Abrechnungspunkt in Wien aber über dem Österreich-Schnitt liegen – vor allem bei sogenannten patientenfernen Kosten wie Verwaltung, Gebäuden oder Energie.
Laut dieser Analyse könnte Wien durch eine Angleichung dieser Kosten an das Österreich-Niveau rund eine Milliarde Euro sparen. Die ÖVP fordert deshalb die Offenlegung aller patientenfernen Kosten und einen verbindlichen Reduktionspfad. Die Aussendung kommt, nachdem sich Wien und Niederösterreich in der Gastpatienten-Frage zuletzt angenähert hatten.
Eine Stellungnahme der Wiener Stadtregierung zu dieser konkreten Kritik liegt bislang nicht vor; aus einem früheren Bericht ist lediglich bekannt, dass das Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker ähnliche Vorwürfe mit dem Verweis auf höhere medizinische Leistungen Wiens zurückgewiesen hatte. Die zugrunde liegenden Zahlen stammen bislang ausschließlich aus einer von der ÖVP beauftragten Analyse und sind unabhängig nicht bestätigt.
Was passiert ist
Die Wiener ÖVP hat sich am 4. September 2026 per Aussendung erneut in den Streit um sogenannte Gastpatienten zwischen Wien und Niederösterreich eingeschaltet. Parteichef Markus Figl und Gesundheitssprecherin Ingrid Korosec erklären darin, Wien habe kein Problem mit der Zahl auswärtiger Patientinnen und Patienten, sondern die SPÖ-Neos-Stadtregierung habe ein selbstgemachtes Kostenproblem. Die Gastpatienten dienten demnach als Sündenbock für strukturelle Ausgabenprobleme in den Wiener Spitälern.
Die Aussendung kommt in einer Phase, in der sich Wien und Niederösterreich in der Sache zuletzt eher angenähert hatten: Erst rund zwei Wochen zuvor hatten Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) und Niederösterreichs zuständiger Landesrat Anton Kasser (ÖVP) bei einer gemeinsamen Pressekonferenz signalisiert, in die gleiche Richtung steuern zu wollen, wie Der Standard berichtete.
Die Zahlen der ÖVP-Analyse
Grundlage der Kritik ist eine von der Wiener ÖVP beim Gesundheitsökonomen Ernest Pichlbauer in Auftrag gegebene Auswertung der bundesweiten Dokumentation landesgesundheitsfondsfinanzierter Krankenanstalten der Jahre 2014 bis 2024. Laut dieser Analyse, über die der Kurier ausführlich berichtete, ist die Zahl der Gastpatienten über den Beobachtungszeitraum stabil geblieben, ebenso die Schwere ihrer Erkrankungen und ihr Anteil an den Gesamtkosten der Bundesländer.
Unterschiede zeigen sich laut der Auswertung bei den Kosten pro sogenanntem LKF-Punkt, der Abrechnungseinheit für Spitalsleistungen: Wien liegt demnach bei 2,48 Euro, Niederösterreich bei 1,98 Euro, der österreichweite Schnitt bei 1,92 Euro. Aufgeschlüsselt in „patientennahe“ und „patientenferne“ Kosten zeigt sich laut Pichlbauer, dass die patientennahen Kosten in Wien mit rund 1,42 Euro je LKF-Punkt ähnlich hoch liegen wie in anderen Bundesländern. Der Unterschied konzentriert sich auf patientenferne Kosten wie Verwaltung, Gebäude, IT oder Energie: Hier verzeichnet Wien 1,07 Euro je LKF-Punkt gegenüber 0,60 bis 0,62 Euro in den übrigen Bundesländern. Könnte Wien diese Kosten auf den Österreich-Wert senken, wäre laut Pichlbauers Rechnung ein Sparpotenzial von rund einer Milliarde Euro verbunden. Woher die besonders hohen Ausgaben bei nicht-medizinischen Fremdleistungen und Gebühren stammen, lässt sich den vorliegenden Daten laut dem Bericht nicht entnehmen.
Forderungen und Gegenposition
Auf Basis der Analyse fordert Korosec die vollständige Offenlegung aller patientenfernen Kosten der Wiener Spitäler sowie einen verbindlichen Pfad, diese auf das österreichweite Niveau zu senken. Der von der Wiener SPÖ zuletzt verfolgten direkten Verrechnung von Gastpatientenkosten zwischen den Bundesländern steht die Wiener ÖVP dabei grundsätzlich nicht ablehnend gegenüber – ihr geht es primär um die aus ihrer Sicht zu hohen patientenfernen Kosten.
Eine Stellungnahme der Wiener Stadtregierung zu genau dieser Aussendung liegt nicht vor. In einem früheren, thematisch verwandten Bericht von noe.ORF.at hatte das Büro von Gesundheitsstadtrat Hacker Kritik Pichlbauers bereits mit dem Argument zurückgewiesen, „Top-Medizin“ gebe es nicht gratis, und darauf verwiesen, dass Wien bei ähnlicher Bevölkerungszahl deutlich mehr intensivmedizinische Leistungen erbringe als Niederösterreich.
Was unklar bleibt
Offen ist, wie die Wiener Stadtregierung konkret auf die aktuelle Aussendung reagiert – eine Stellungnahme zur heutigen Kritik von Figl und Korosec fehlt bislang. Ebenso wenig lässt sich unabhängig prüfen, ob die von Pichlbauer errechneten Zahlen zu Kosten pro LKF-Punkt und zum Sparpotenzial von einer Milliarde Euro einer externen Kontrolle standhalten würden, da bislang nur eine von der ÖVP beauftragte Auswertung vorliegt. Unklar ist zudem, wie sich die jüngste Annäherung zwischen Hacker und Kasser durch diesen neuerlichen Vorstoß der Wiener ÖVP verändert.


