Papst Leo XIV. hat seinen viertägigen Frankreich-Besuch mit zwei Großmessen fortgesetzt. Nach dem Empfang durch Präsident Emmanuel Macron im Élysée-Palast und einer Messe auf der Place de la Concorde in Paris, zu der laut Vatikan rund 800.000 Menschen kamen, feierte er am Sonntag im Pilgerort Lourdes eine weitere Freiluftmesse mit laut Vatikan und französischen Behörden rund 150.000 Teilnehmenden. In seiner Predigt sprach er von „tiefen Wunden, Untreue und schmerzhaften Fehltritten“ in der Kirche und rief zum Eingeständnis von Fehlern auf. Dort verurteilte er zudem jede Form aktiver Sterbehilfe und richtete einen Appell an das Gesundheitspersonal, sich um Leidende zu kümmern statt „sie zu beseitigen“ — eine Aussage, die sich auf Sterbehilfe-Gesetze in Ländern wie den Niederlanden, Belgien und seit diesem Sommer auch Frankreich bezieht.
In Lourdes wurde der Papst außerdem mit dem Fall des slowenischen Ex-Jesuiten Marko Rupnik konfrontiert, der die Eingangstüren der dortigen Basilika mitgestaltet hat und im Verdacht steht, über Jahrzehnte Ordensfrauen sexuell missbraucht zu haben; seine Mosaike wurden auf Bischofsbeschluss mit Aluminiumplatten überdeckt, das Vatikan-Sondergerichtsverfahren gegen ihn läuft laut Berichten weiterhin. Für Sonntagnachmittag war zudem ein privates Treffen mit sieben Menschen angekündigt, die als Kinder Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester oder Lehrer an katholischen Schulen wurden — die unabhängige Kommission CIASE hatte 2021 bis zu 330.000 Betroffene seit 1950 in Frankreich geschätzt.
Offen bleibt, wie dieses Treffen tatsächlich verlief und welche Reaktionen von Betroffenenverbänden es auslöste — alle vorliegenden Berichte beschreiben es weiterhin im Futur, ein Bericht über den tatsächlichen Ablauf fehlt bislang. Ebenso offen sind der weitere Fortgang des Rupnik-Verfahrens und der Inhalt der für Montag in Metz angekündigten politischen Rede des Papstes.
Was passiert ist
Papst Leo XIV. ist am Freitag zu einem viertägigen Besuch in Frankreich eingetroffen. Präsident Emmanuel Macron empfing ihn persönlich am Flughafen, anschließend folgte eine kurze Unterredung im Élysée-Palast. Macron sprach von „einer großen Ehre und einer großen Freude“, den Papst auf französischem Boden zu empfangen. Das Programm bis Montag führte den Pontifex durch Paris und die Vorstadt Saint-Denis, an den südwestfranzösischen Pilgerort Lourdes sowie nach Metz. Laut dem vom Vatikan selbst veröffentlichten Reiseplan gehörte auch ein Besuch bei der UNESCO in Paris zum Programm.
Rekordmesse in Paris
Zur ersten großen Veranstaltung, einem Gebetsvigil am Freitagabend, kamen rund 80.000 Gläubige im Alter zwischen 17 und 35 Jahren im Stade de France in Saint-Denis zusammen. Den Höhepunkt bildete am Samstag eine Messe auf der Place de la Concorde in Paris: Laut Vatikan nahmen rund 800.000 Menschen teil — mehr als die im Vorfeld genannte behördliche Erwartung von bis zu 600.000 und deutlich mehr als beim Besuch von Papst Benedikt XVI. 2008, als rund 260.000 Menschen an der Messe teilgenommen hatten. Ein Sicherheitsaufgebot von, je nach Bericht, 14.000 bis 15.000 Polizisten, Gendarmen, Soldaten und Angehörigen von Eliteeinheiten sicherte den Besuch ab, unterstützt von Überwachungsdrohnen und Vorrichtungen gegen mögliche Angriffe aus der Luft. Sensible Zonen in Paris wurden abgesperrt, mehrere Metrostationen geschlossen und das Befahren der Seine mit Booten untersagt.
Botschaften des Papstes in Paris
Beim Treffen im Élysée-Palast sendete Leo XIV. nach Angaben des Vatikans und übereinstimmender Medienberichte eine Botschaft, wonach Frieden täglich durch Dialog und Gerechtigkeit geschaffen werden müsse. Er warnte vor einem „schwer kontrollierbaren Wettrüsten“ und vor der aus seiner Sicht irrigen Überzeugung, der Besitz von Atomwaffen sei eine Garantie für Sicherheit. Internationale Berichterstattung ordnet seine Ausführungen zusätzlich als Warnung vor den Risiken einer zunehmend von Maschinen bestimmten Zukunft ein. Damit knüpft er an Äußerungen an, die er wenige Wochen zuvor bei einem Treffen mit katholischen Gesetzgebern im Vatikan gemacht hatte, als er klare rechtliche Rahmenbedingungen und unabhängige Aufsicht für Künstliche Intelligenz forderte — worüber unsere Redaktion bereits berichtet hat. Laut Élysée-Angaben sollten beim Gespräch mit Macron zudem Klimawandel, europäische und internationale Angelegenheiten sowie Themen wie Sterbebegleitung und Kinderschutz zur Sprache kommen.
Lourdes: Messe mit 150.000 Teilnehmenden
Am Sonntag, dem dritten Tag seiner Reise, feierte der Papst am südwestfranzösischen Pilgerort Lourdes, einem der größten christlichen Wallfahrtsorte der Welt, eine Freiluftmesse. Laut Angaben des Vatikans und der französischen Behörden nahmen daran rund 150.000 Menschen teil. In seiner Predigt sprach das Oberhaupt von weltweit 1,4 Milliarden Katholiken laut Agenturmeldung auch von „tiefen Wunden, Untreue und schmerzhaften Fehltritten“, die in der Kirche begangen worden seien: „Das Eingeständnis unserer Fehler ist für unser spirituelles Wachstum unverzichtbar.“ Für den Nachmittag war zudem ein privates Treffen mit sieben Menschen angekündigt, die in ihrer Kindheit Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester oder Lehrer an katholischen Schulen wurden. Alle bislang vorliegenden Berichte beschreiben dieses Treffen weiterhin als bevorstehend, nicht als bereits abgeschlossen — ein bestätigter Bericht über den tatsächlichen Verlauf und etwaige Reaktionen von Betroffenenverbänden liegt nicht vor. Die katholische Kirche in Frankreich bemüht sich seit Jahren um die Aufarbeitung solcher Fälle: Die unabhängige Kommission CIASE (Commission Sauvé) hatte 2021 die Zahl der seit 1950 durch Kleriker missbrauchten Minderjährigen auf rund 216.000 geschätzt, eine Zahl, die auf bis zu 330.000 steigt, wenn auch Laienmitarbeiter kirchlicher Einrichtungen wie Schulen mitgezählt werden.
Konfrontiert mit dem Fall Rupnik
In Lourdes wurde der Papst zudem mit einem konkreten, seit Jahren ungeklärten Missbrauchsfall in der katholischen Kirche konfrontiert: Der aus Slowenien stammende Ex-Jesuitenpater und international bekannte Mosaikkünstler Marko Rupnik hat die Eingangstüren der Basilika Unserer Lieben Frau in Lourdes mitgestaltet. Er steht im Verdacht, über Jahrzehnte hinweg Ordensfrauen sexuell missbraucht zu haben. Gegen ihn läuft im Vatikan ein Verfahren vor einem eigens eingerichteten Sondergericht, das laut Berichten deutschsprachiger katholischer Medien weiterhin nicht abgeschlossen ist — der Vatikan hatte zuletzt Meldungen über ein bereits erfolgtes Verfahrensende dementiert. Die von Rupnik mitgestalteten Mosaike an der Basilika in Lourdes wurden auf Beschluss des zuständigen Bischofs mit Aluminiumplatten überdeckt; der Papst bekam die Werke bei seinem Besuch dadurch nicht zu Gesicht. Es handelt sich um einen Verdacht und ein laufendes kirchenrechtliches Verfahren — keine gerichtliche Feststellung von Schuld.
Kritik an aktiver Sterbehilfe
In Lourdes richtete der Papst zudem einen Appell an die Ärzteschaft und andere Beschäftigte im Gesundheitswesen: Der Sinn ihrer Berufung bestehe darin, „sich um einen leidenden Menschen zu kümmern und nicht darin, ihn zu beseitigen“. Er verurteilte jede Form aktiver Sterbehilfe in deutlichen Worten: „Es ist unmöglich, das Herbeiführen des Todes als normal anzusehen. Was legal ist, ist nicht zwangsläufig auch sittlich erlaubt.“ Niemand habe das Recht, „auf der Grundlage von labortechnischen Algorithmen“ über Leben zu entscheiden, so der Papst laut Agenturmeldung weiter. Er bezog seine Kritik erkennbar auf gesetzliche Regelungen zur Sterbehilfe in mehreren europäischen Ländern, etwa den Niederlanden und Belgien, sowie auf ein Gesetz zur aktiven Sterbehilfe, das die französische Nationalversammlung im Sommer 2026 nach langen Debatten mit großer Mehrheit verabschiedet hatte.
Was unklar bleibt
Wie das für Sonntagnachmittag angekündigte Treffen mit den sieben Missbrauchsopfern in Lourdes tatsächlich verlief und welche Reaktionen — etwa von Betroffenenverbänden — es auslöste, ist aus den vorliegenden Quellen weiterhin nicht ersichtlich. Ebenso offen ist der weitere Fortgang des Vatikan-Sondergerichtsverfahrens gegen Marko Rupnik. Die Angaben zur Truppenstärke der Sicherheitskräfte schwanken weiterhin zwischen 14.000 und 15.000, ohne dass eine Stelle eine verbindliche Zahl genannt hätte. Der genaue Wortlaut der päpstlichen Aussagen zu atomarer Aufrüstung, Künstlicher Intelligenz und Sterbehilfe liegt bislang nur über Agenturzusammenfassungen vor, nicht als direkt gegen die vatikaneigene Wortlaut-Fassung abgeglichenes Zitat. Offen ist zudem, wie die für Montag in Metz angekündigte politische Rede des Papstes ausfiel, zu der laut Berichten Staats- und Regierungschefs der EU eingeladen wurden.
Einordnung
Der Besuch wird von französischen Medien als historisch bezeichnet und reiht sich in eine Serie internationaler Auftritte Leos XIV. ein, bei denen er wiederholt vor unregulierten Risiken durch Künstliche Intelligenz gewarnt hat. Mit rund 800.000 Teilnehmenden in Paris und rund 150.000 in Lourdes übertrafen beide Messen die im Vorfeld genannten Erwartungen deutlich und unterstreichen zusammen mit dem Sicherheitsaufwand im fünfstelligen Bereich die politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit, die der Reise in Frankreich zuteilwird. Zugleich zeigte der Besuch in Lourdes, wie eng Symbolik und ungelöste Missbrauchsaufarbeitung in der katholischen Kirche weiterhin verknüpft sind: Das geplante Treffen mit Missbrauchsopfern und die Konfrontation mit dem noch offenen Fall Rupnik reihen sich in jahrelange, oft als unzureichend kritisierte Aufarbeitungsbemühungen der Kirche in Frankreich ein, deren Ausmaß die CIASE-Kommission 2021 auf mehrere Hunderttausend Betroffene seit 1950 bezifferte. Die Sterbehilfe-Kritik des Papstes reiht sich zudem in eine europaweite Debatte ein, die durch das im Sommer 2026 von der französischen Nationalversammlung verabschiedete Gesetz neue Aktualität erhalten hat. Wie sich diese Stränge — Aufarbeitung, Gesundheitsethik und die für Metz angekündigte politische Rede — über den Abschluss der Reise hinaus weiterentwickeln, lässt sich erst nach Vorliegen weiterer Berichte abschließend bewerten.


