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Eine neue Studie des Ökonomen Irakli Barbakadze (University College London) und internationaler Co-Autoren wertet nächtliche Satellitenbilder Russlands aus, um die tatsächliche Wirtschaftsentwicklung seit der Invasion der Ukraine 2022 einzuschätzen. Ergebnis: Das Wachstum der nächtlichen Lichtintensität ist seit Kriegsbeginn stark zurückgegangen – ein Widerspruch zu offiziellen russischen Statistiken, die nach einem moderaten Einbruch 2022 rasch wieder kräftiges Wachstum auswiesen. Die Studienautoren selbst betonen aber, dass ihre Daten zwar Zweifel an den offiziellen Zahlen nähren, aber keinen Beweis für eine tiefe Rezession liefern.

Wifo-Ökonom Asjad Naqvi mahnt zur Vorsicht: Nachtlichtdaten seien ein nützlicher, aber kein perfekter Konjunkturindikator, da Faktoren wie der Umstieg auf LED-Beleuchtung, Wolken, Brände oder Schnee die Satellitenbilder verzerren können. Entscheidend sei eine sorgfältige Bereinigung der Rohdaten, so Barbakadze.

Offen bleibt, welche russischen Regionen und welcher genaue Zeitraum analysiert wurden, wie die Datenbereinigung im Detail erfolgte und ob russische Behörden auf die Ergebnisse reagieren. Eine Veröffentlichung in einem begutachteten Fachjournal steht bislang nicht fest.

Was passiert ist

Wo staatliche Statistiken zweifelhaft sind, greifen Ökonomen zunehmend zu Daten aus dem All. Der Ökonom Irakli Barbakadze von der University College London hat gemeinsam mit internationalen Co-Autoren nächtliche Satellitenbilder Russlands ausgewertet, um herauszufinden, wie sich die russische Wirtschaft seit der Invasion der Ukraine 2022 tatsächlich entwickelt hat. Anlass war laut Barbakadze, dass es seit Kriegsbeginn widersprüchliche Schätzungen zur russischen Wirtschaftsleistung gab. Die Ergebnisse hat das Forschungsteam in einem Blogbeitrag beim European-Economics-Netzwerk CEPR/VoxEU veröffentlicht, über österreichische Medien berichteten unter anderem Kleine Zeitung und Die Presse.

Was die Daten zeigen

Die Grundidee: Menschliche Wirtschaftstätigkeit erzeugt Licht, das nachts aus dem All sichtbar ist – je heller ein Gebiet, desto reger meist die wirtschaftliche Aktivität. Der Kontrast zwischen dem hell erleuchteten Südkorea und dem nahezu dunklen Nordkorea gilt als anschauliches Beispiel dafür, wie aussagekräftig solche Bilder sein können, selbst wenn amtliche Zahlen – wie im Fall Nordkoreas bei der Weltbank – schlicht fehlen. Für Russland zeigt die Auswertung: Die durchschnittlichen Wachstumsraten der nächtlichen Lichtintensität sind seit Kriegsausbruch deutlich zurückgegangen. Das steht im Widerspruch zu offiziellen russischen Wirtschaftsdaten, die laut dem Blogbeitrag der Studienautoren nach einem moderaten Einbruch 2022 rasch wieder kräftiges Wachstum auswiesen. Die Autoren schreiben, folge man den offiziellen Statistiken, habe der Krieg die Wirtschaft eher angekurbelt als belastet – die Nachtlichtdaten zeichneten jedoch ein anderes Bild.

Vorbehalte der Methode

Wie belastbar ist dieser Befund? Wifo-Ökonom Asjad Naqvi ordnet gegenüber der Presse ein, Satelliten lieferten nützliche Zusatzinformationen, seien aber kein Ersatz für Bodendaten oder detaillierte amtliche Statistiken. Nachtlichtdaten seien ein brauchbarer Konjunkturindikator – allerdings nur, wenn sie sorgfältig aufbereitet werden. Zahlreiche Faktoren können die Bilder verzerren oder über Zeiträume hinweg unvergleichbar machen: Der Umstieg auf LED-Straßenbeleuchtung etwa, wie ihn Wien derzeit bis 2028 vollzieht, verändert die von Satellitensensoren gemessene Helligkeit unabhängig von der Wirtschaftsleistung. Auch Wolken, Brände oder Schnee beeinflussen die Aufnahmen. Barbakadze selbst nennt die Bereinigung und Standardisierung der Daten als wichtigsten Arbeitsschritt der Studie.

Einordnung

Die Studie reiht sich in eine wachsende Zahl von Arbeiten ein, die Satellitendaten nutzen, um die Wirtschaftsleistung autoritär regierter Staaten zu überprüfen – solche Länder liefern selten verlässliche amtliche Zahlen, weil die Versuchung groß ist, die eigene Wirtschaft besser darzustellen, als sie ist. Die Autoren selbst warnen jedoch ausdrücklich davor, aus dem Rückgang der Lichtwerte automatisch auf eine tiefe Rezession Russlands zu schließen. Ihr Befund ist vorsichtiger formuliert: Die Daten schüren Zweifel an der Verlässlichkeit der offiziellen russischen Statistik, liefern aber keinen abschließenden Beweis für das tatsächliche Ausmaß des wirtschaftlichen Rückgangs.

Was unklar bleibt

Aus den vorliegenden Berichten geht nicht hervor, welche russischen Regionen und welcher exakte Zeitraum im Detail untersucht wurden, und wie genau die Datenbereinigung methodisch erfolgte. Auch fehlt bislang jede Reaktion russischer Behörden oder der amtlichen Statistikstelle Rosstat auf die Studie. Ob die Arbeit in einem begutachteten Fachjournal erscheinen wird oder als Diskussionspapier und Blogbeitrag bleibt, ist ebenfalls offen.