Eine neue wissenschaftliche Auswertung amtlicher Messdaten, die die Umweltorganisation Global 2000 am Dienstag präsentierte, zeigt einen raschen Anstieg der Ewigkeitschemikalie Trifluoressigsäure (TFA) im österreichischen Grundwasser. An 16 wiederholt untersuchten Messstellen stieg die durchschnittliche Konzentration zwischen 2018/2019 und 2024 von 1,36 auf 2,86 Mikrogramm pro Liter – ein Plus von über 110 Prozent. Der Durchschnittswert aller 2024 untersuchten Stellen von 2,4 Mikrogramm pro Liter liegt rund 24-mal über dem EU-Grenzwert für toxikologisch relevante Pestizid-Abbauprodukte. Am stärksten betroffen sind landwirtschaftlich geprägte Bundesländer wie Burgenland, Niederösterreich, Oberösterreich und die Steiermark, wo die Werte mit Pestizid- und Nitratbelastung korrelieren.
Die EU-Chemikalienagentur ECHA empfahl im Juni 2026, TFA als reproduktionstoxisch einzustufen; die EU-Kommission muss darüber noch entscheiden. Laut dem an der Studie beteiligten Toxikologen Mattias Öberg reichert sich TFA weltweit im Wasserkreislauf an und lässt sich derzeit nur aufwendig und teuer entfernen.
Die Auswertung liegt bislang nur als noch nicht peer-reviewter Preprint vor und ist keine repräsentative Stichprobe für ganz Österreich. Eine Stellungnahme des Landwirtschaftsministeriums, das die Daten lieferte, sowie eine unabhängige fachliche Einordnung stehen noch aus.
Was passiert ist
Die Umweltschutzorganisation Global 2000 hat am Dienstag bei einer Pressekonferenz eine neue wissenschaftliche Auswertung amtlicher Grundwassermessdaten vorgestellt. Im Zentrum steht die sogenannte Ewigkeitschemikalie Trifluoressigsäure (TFA), ein extrem langlebiger Stoff aus der PFAS-Gruppe. Grundlage der Analyse sind Messdaten von 98 Stellen aus den Jahren 2018/2019 und 107 Stellen aus dem Jahr 2024, die Global 2000 nach einer Anfrage gemäß Umweltinformationsgesetz Ende Juni vom Landwirtschaftsministerium erhalten hatte. Ein entsprechender wissenschaftlicher Artikel wurde am selben Tag als Preprint veröffentlicht.
Was die Daten zeigen
An 16 Messstellen, die in beiden Erhebungswellen untersucht wurden, stieg die durchschnittliche TFA-Konzentration von 1,36 auf 2,86 Mikrogramm pro Liter – ein Plus von mehr als 110 Prozent binnen rund fünf Jahren. Werden alle 2024 untersuchten Messstellen herangezogen, liegt der Durchschnittswert laut Global-2000-Umweltchemiker Helmut Burtscher-Schaden sogar rund dreimal höher; das sei zwar kein direktes Maß für die Änderungsrate, zeige aber, dass der Anstieg auch dort sichtbar sei, wo kein direkter Vergleich zwischen den beiden Erhebungswellen möglich war. Die höchsten Konzentrationen wurden in Regionen mit intensiver Landwirtschaft festgestellt – im Burgenland, in Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark. Ein Abgleich der Messwerte mit Pestizid- und Nitratbelastung ergab laut den Autoren eine relativ starke Korrelation mit Pestiziden und eine starke bis moderate mit Nitraten, was auf einen substanziellen landwirtschaftlichen Beitrag hindeute, ohne andere TFA-Quellen wie fluorierte Gase auszuschließen. Kein Zusammenhang zeigte sich hingegen mit anderen nachgewiesenen PFAS-Stoffen; an Messstellen mit Daten zu beiden Parametern lag die mittlere TFA-Konzentration rund 264-mal so hoch wie die mittlere Summe der sogenannten PFAS-27. Der mittlere TFA-Wert an den 2024 untersuchten Stellen von 2,4 Mikrogramm pro Liter liegt rund 24-mal über dem EU-Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter, der für toxikologisch relevante Abbauprodukte von Pestiziden gilt.
Gesundheitliche Einordnung und EU-Einstufung
Der Ausschuss für Risikobeurteilung (RAC) der EU-Chemikalienagentur ECHA empfahl im Juni 2026, TFA als reproduktionstoxisch der Kategorie 1B einzustufen – also als Stoff mit möglicher schädlicher Wirkung auf die Fortpflanzung und die Entwicklung des ungeborenen Kindes. Grundlage waren unter anderem Tierstudien, in denen TFA bei Kaninchen Fehlbildungen am Fötus sowie bei Ratten eine Abnahme von Spermienqualität und -zahl auslöste. Diese Einschätzung wurde der EU-Kommission übermittelt, die über eine formale Einstufung und daraus folgende Beschränkungen noch entscheiden muss. Der an der aktuellen Auswertung beteiligte Toxikologe Mattias Öberg vom Karolinska Institutet wies bei der Pressekonferenz darauf hin, dass sich TFA weltweit im Wasserkreislauf anreichere und eine Entfernung aus dem Wasser zwar theoretisch möglich, aber derzeit energieintensiv und teuer sei. Aus Tierstudien sei zudem bekannt, dass der Stoff auch auf Schilddrüsenhormone und die Leber wirken könne.
Was unklar bleibt
Die Auswertung liegt bislang nur als Preprint vor und wurde noch nicht durch ein unabhängiges Peer-Review-Verfahren geprüft. Burtscher-Schaden selbst betont, dass die 16 durchgängig verglichenen Messstellen keine für ganz Österreich repräsentative Stichprobe darstellen. Offen ist zudem, welchen genauen Anteil die Landwirtschaft gegenüber anderen TFA-Quellen wie fluorierten Kältemittelgasen an der Belastung trägt – die Korrelation mit Pestizid- und Nitratwerten legt einen Zusammenhang nahe, beweist ihn aber nicht abschließend. Eine Stellungnahme des Landwirtschaftsministeriums, das die zugrunde liegenden Daten geliefert hatte, liegt in den vorliegenden Quellen nicht vor, ebenso wenig eine unabhängige Einordnung durch österreichische Wasserbehörden oder Universitäten.
Einordnung
Global 2000 nutzte die Pressekonferenz auch, um politische Forderungen zu untermauern: Die Organisation verlangt einen raschen Ausstieg aus PFAS-Pestiziden und vergleichbaren TFA-Vorläuferstoffen, einen Ausstieg aus fluorierten Kältemitteln über eine konsequente Umsetzung des geplanten EU-weiten PFAS-Beschränkungsvorschlags sowie einen einheitlichen, vorsorgeorientierten Trinkwassergrenzwert für TFA. Diese Forderungen sind als Position der auftraggebenden Organisation zu verstehen; eine Reaktion von Regierungsseite oder aus der Landwirtschaft liegt bislang nicht vor. Die zugrunde liegenden Messdaten selbst stammen jedoch vom Landwirtschaftsministerium und wurden von mehreren Medien unabhängig bestätigt, was den Kernbefund – den raschen Anstieg der TFA-Werte – von der politischen Bewertung der Ursachen und Gegenmaßnahmen unterscheidet.


