Zur bereits bekannten Debatte über mutmaßlich ignorierte Vorwarnungen vor dem 7. Oktober 2023 kommt eine weitere Figur hinzu: Laut einer breit aufgegriffenen Recherche des US-Magazins „The Atlantic“, gestützt auf Regierungsvertreter in Israel, Ägypten, weiteren arabischen Staaten sowie in den USA und Europa, soll Ägyptens Geheimdienstchef Abbas Kamel am 26. September 2023 – rund elf Tage vor dem Hamas-Überfall – für etwa eine Stunde nach Israel gereist sein und dort vor einem bevorstehenden großangelegten Angriff gewarnt haben. Kamel soll zudem geraten haben, Israel solle dem Gazastreifen wirtschaftliche Zugeständnisse machen, um eine Eskalation zu vermeiden. Der Bericht wurde in Österreich unter anderem von Kurier, DER STANDARD, Die Presse und Kleine Zeitung sowie international etwa von ORF und Times of Israel aufgegriffen.
Zu diesem Bericht gibt es widersprüchliche israelische Stimmen: Tzachi Hanegbi, 2023 Chef von Israels Nationalem Sicherheitsrat, bestritt gegenüber „The Atlantic“ ausdrücklich, dass es Kamels Besuch oder eine ägyptische Warnung gegeben habe. Ein anderer, nicht namentlich genannter früherer Regierungsvertreter hält dagegen Netanyahus Kenntnis des Besuchs für ausgeschlossen bestreitbar – also für gegeben. Netanyahus Büro selbst wies den Bericht nach dessen Erscheinen erneut ausdrücklich als falsch zurück und bezeichnete ihn als Versuch, die israelische Öffentlichkeit zu manipulieren. Aus Kairo liegt lediglich die Angabe eines anonymen ägyptischen Regierungsvertreters vor, wonach Kamels Besuch die Dringlichkeit der Botschaft von Präsident al-Sisi unterstrichen habe; eine offizielle Bestätigung fehlt.
Der Bericht erscheint gut einen Monat vor der israelischen Parlamentswahl am 27. Oktober 2026 – im selben angespannten Umfeld, in dem auch Netanyahus Klage gegen „Haaretz“ wegen der separaten Emirate-Warnung verhandelt wird. Ob sich Kamels Besuch tatsächlich so zugetragen hat, bleibt zwischen der Darstellung des Berichts, Netanyahus wiederholtem Dementi und den sich widersprechenden anonymen bzw. namentlichen Aussagen früherer israelischer Regierungsvertreter ungeklärt.
Ein weiterer Geheimdienstchef als angeblicher Warner
Zur bereits bekannten Kontroverse um mutmaßlich ignorierte Vorwarnungen vor dem 7. Oktober 2023 kommt eine weitere Figur hinzu: Ägyptens Geheimdienstchef Abbas Kamel. Das US-Magazin „The Atlantic“ berichtet unter Berufung auf Regierungsvertreter in Israel, Ägypten, weiteren arabischen Staaten sowie in den USA und Europa, Kamel sei am 26. September 2023 – rund elf Tage vor dem Hamas-Überfall – mit einem gecharteten Flugzeug des ägyptischen Geheimdienstes in Ben Gurion gelandet und für etwa eine Stunde nach Israel gereist, während dort hochrangige Politiker den 50. Jahrestag des Jom-Kippur-Kriegs begingen. Er habe vor einem bevorstehenden großangelegten Angriff der Hamas gewarnt und geraten, Israel solle dem Gazastreifen wirtschaftliche Zugeständnisse machen, um eine Eskalation abzuwenden – ein Vorschlag, der in der Berichterstattung als eindringliche Warnung vor einer drohenden „Katastrophe“ wiedergegeben wird. Wer sich in Israel konkret mit Kamel getroffen haben soll, nennt der Bericht laut vorliegenden Quellen weiterhin nicht.
Der Bericht wurde in Österreich breit aufgegriffen – unter anderem von Kurier, DER STANDARD, Die Presse und Kleine Zeitung – und international unter anderem von ORF, Times of Israel und Jerusalem Post. Die weite Verbreitung erhöht die Bekanntheit der Darstellung, ändert aber nichts daran, dass ihr Kern weiterhin auf denselben, teils anonymen Regierungsquellen eines einzelnen Magazin-Berichts beruht.
Vorgeschichte
Wie berichtet, steht bereits ein anderer, unabhängig davon erhobener Vorwurf im Raum: dass der emiratische Präsident Netanyahu rund eineinhalb Wochen vor dem 7. Oktober 2023 telefonisch vor einer geplanten Hamas-Großoffensive gewarnt habe – ein Vorwurf, den Netanyahu als „totale Lüge“ zurückweist und wegen dem er gegen die Zeitung „Haaretz“ klagt. Der „Atlantic“-Bericht über Kamel betrifft eine separate, eigenständige Quelle und wird hier nicht mit jenem Fall gleichgesetzt; beide Berichte zusammen verdichten aber die öffentliche Debatte darüber, wie viele Warnungen ausländischer Dienste es vor dem Angriff gegeben haben könnte.
Netanyahu: Zwischen Dementi und Vorwurf der Manipulation
Tzachi Hanegbi, der 2023 Israels Nationalen Sicherheitsrat leitete, bestritt gegenüber „The Atlantic“ ausdrücklich, dass Kamel Israel besucht oder eine ägyptische Warnung übermittelt worden sei. Ein anderer, nicht namentlich genannter früherer israelischer Regierungsvertreter widerspricht dem laut Bericht jedoch: Es sei ausgeschlossen, dass Netanyahu nichts von dem Besuch oder einem Treffen mit israelischen Geheimdienstvertretern gewusst habe. Beide Darstellungen stammen aus demselben Bericht und stehen unvermittelt nebeneinander, ohne dass sich eine von ihnen unabhängig überprüfen ließe.
Netanyahus Büro selbst hat sich nach Veröffentlichung des Berichts erneut und deutlich geäußert: Die Behauptung sei falsch, bereits früher dementiert worden und werde nun „aufgewärmt“, um die israelische Öffentlichkeit zu manipulieren, hieß es laut mehreren Medien. Das reiht sich in die bereits kurz nach dem 7. Oktober 2023 abgegebene Erklärung des Büros ein, wonach es keine ägyptische Warnung und kein direktes oder indirektes Treffen mit Kamel gegeben habe und entsprechende Darstellungen „Fake News“ seien.
Reaktion aus Kairo
Aus Ägypten liegt weiterhin keine namentlich zurechenbare offizielle Stellungnahme vor. Laut Bericht erklärte lediglich ein anonymer ägyptischer Regierungsvertreter, allein Kamels kurzer persönlicher Besuch in Israel habe gezeigt, dass Präsident Abdel Fattah al-Sisi die Dringlichkeit der Botschaft habe unterstreichen wollen. Eine Bestätigung durch das ägyptische Präsidialamt selbst oder durch Kamel persönlich steht aus.
Zeitpunkt vor der Wahl
Der Bericht und seine breite mediale Aufnahme erscheinen gut einen Monat vor der israelischen Parlamentswahl am 27. Oktober 2026 – demselben Zeitfenster, in dem auch der Streit um die Emirate-Warnung und Netanyahus angekündigte Klage gegen „Haaretz“ ausgetragen wird. Beide Fälle dürften damit Teil einer angespannten Vorwahl-Debatte über Verantwortung und Aufklärung rund um den 7. Oktober bleiben, während die zentralen Fakten – anders als Netanyahus wiederholtes, klares Dementi – zwischen sich widersprechenden anonymen und namentlichen Angaben ungeklärt bleiben.

