Zwei Monate nach dem Doppel-Erdbeben vom 24. Juni hat die venezolanische Übergangsregierung die Zahl der bestätigten Toten auf 6.509 erhöht – ein weiterer Anstieg gegenüber den zuletzt bekannten 6.125. Wie im bisherigen Bericht zu dieser Story dargestellt, bleibt die Zahl der Vermissten weiterhin offen und stark umstritten.
Parallel rückt eine neue, bislang wenig beachtete Facette der Katastrophe in den Fokus: Angehörige von 146 aus den USA abgeschobenen Venezolanern, darunter sieben Kinder, protestierten in Caracas. Die Gruppe war am Morgen des 24. Juni mit einem Abschiebeflug in Maiquetía gelandet und Stunden später in einem älteren, bewachten Gebäude in La Guaira untergebracht, das beim Erdbeben einstürzte. Angehörige werfen dem Geheimdienst SEBIN vor, für die Unterbringung ohne Evakuierungsplan verantwortlich zu sein, und berichten von abgenommenen Mobiltelefonen. Diese Vorwürfe sind bislang unbestätigte Anschuldigungen Betroffener, zu denen keine behördliche Stellungnahme vorliegt.
Die Angehörigen fordern eine Entschuldigung, Aufklärung und moralische Entschädigung von der Regierung in Caracas, mehrere kündigten rechtliche Schritte an. Offen bleibt, wie viele der 146 Migranten unter den Toten sind. Zudem deutet sich an, dass die Trümmerbeseitigung nach Regierungsangaben bis zu einem Jahr dauern könnte, während der Wiederaufbau weiterhin aussteht.
Totenzahl steigt weiter, neue Vorwürfe aus Angehörigenkreisen
Zwei Monate nach dem verheerenden Doppel-Erdbeben in Venezuela hat die Übergangsregierung die Zahl der geborgenen Toten auf 6.509 erhöht. Gleichzeitig rückt eine bislang wenig beachtete Facette der Katastrophe in den Vordergrund: der Tod mehrerer aus den USA abgeschobener Venezolaner, die am Tag der Beben in einem später eingestürzten Gebäude in La Guaira festgehalten wurden. Deren Angehörige gingen am Montag in Caracas auf die Straße und erheben schwere Vorwürfe gegen die venezolanischen Behörden.
Wie im bisherigen Bericht zu den Beben vom 24. Juni dargestellt, war die offizielle Opferzahl zuletzt – rund sechs Wochen nach der Katastrophe – mit 6.125 beziffert worden. Der neue Bericht der Übergangsregierung vom Montag markiert damit einen weiteren, deutlichen Anstieg um 384 zusätzliche bestätigte Todesopfer.
Vorgeschichte
Zwei Erdbeben der Stärken 7,2 und 7,5 hatten Venezuela am 24. Juni 2026 im Abstand von nur 39 Sekunden erschüttert und vor allem den Küstenbundesstaat La Guaira verwüstet, wo rund 190 Gebäude zerstört wurden. Die Entwicklung der Opfer- und Vermisstenzahlen in den Wochen danach – samt der bislang ungeklärten Diskrepanz zwischen unterschiedlichen Vermisstenschätzungen – ist im bisherigen Bericht zu dieser Story nachzulesen.
Die Migranten von Flug 164
Im Zentrum der neuen Vorwürfe steht eine Gruppe von 146 Venezolanerinnen und Venezolanern, darunter sieben Kinder, die am Morgen des 24. Juni mit einem Abschiebeflug aus den USA am Flughafen Maiquetía gelandet waren – nur Stunden vor den Erdstößen. Laut übereinstimmenden Berichten wurden ihnen bei Ankunft Mobiltelefone und weitere persönliche Gegenstände abgenommen, bevor sie in einem älteren, von Sicherheitskräften bewachten Gebäude in La Guaira untergebracht wurden. Genau dieses Gebäude stürzte beim Doppel-Erdbeben ein.
Angehörige der Betroffenen erklärten bei einer Kundgebung in Caracas, ihre Söhne seien an diesem Ort festgehalten worden, ohne dass es einen Evakuierungsplan gegeben habe. Sie machen dafür den venezolanischen Geheimdienst SEBIN verantwortlich – eine Anschuldigung, zu der bislang keine Stellungnahme der Behörden vorliegt und die sich aus den vorliegenden Quellen nicht unabhängig prüfen lässt. Eine Angehörige verwies zudem darauf, dass Passagiere nachfolgender Abschiebeflüge nach Dokumentenprüfung offenbar per Bus in ihre Heimatorte weitergereist seien – ein Vergleich, der ebenfalls nicht unabhängig bestätigt ist.
Forderungen der Angehörigen
„Mein Sohn hatte weder in den USA noch in Venezuela eine Vorstrafe“, sagte Oswadelis Nuñez, deren 28-jähriger Sohn bei den Beben ums Leben kam, laut Medienberichten bei der Kundgebung. Sie und weitere Angehörige fordern von der Übergangsregierung in Caracas eine Entschuldigung, eine Erklärung zu den Umständen der Unterbringung sowie eine moralische Entschädigung. Mehrere Familien kündigten zudem rechtliche Schritte an. Wie viele der 146 Migranten insgesamt unter den Todesopfern sind, ist anhand der vorliegenden Quellen nicht abschließend beziffert – ebenso wenig, wie viele Überlebende es aus dieser Gruppe gibt.
Weiterhin offene Vermisstenzahl, langwieriger Wiederaufbau
An der grundsätzlichen Unsicherheit über die Zahl der Vermissten hat sich durch den neuen Bericht nichts geändert: Eine zentrale Gesamtangabe der Regierung fehlt weiterhin. Der Gouverneur von La Guaira, José Alejandro Terán, hatte Anfang August auf Basis eines Nachbarschaftsregisters von rund 1.579 Vermissten in seinem Bundesstaat gesprochen – eine Zahl, die deutlich unter den kolportierten Expertenschätzungen von bis zu 10.000 liegt und von der Zentralregierung bislang nicht offiziell bestätigt wurde.
Parallel dazu deutet sich an, dass die praktischen Folgen der Katastrophe Venezuela noch lange beschäftigen dürften: Die vollständige Beseitigung der Trümmer könnte nach Einschätzung der Übergangsregierung bis zu einem Jahr in Anspruch nehmen, während der eigentliche Wiederaufbau noch aussteht und weiterhin tausende Menschen in Notunterkünften oder provisorischen Unterkünften leben.
